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Parole und Paranoia

Was soll man mit Götz Alys Buch über die 68er anfangen? Es ist schwer lesbar, hat ein Strukturierungsproblem, folgt scheinbar einer Chronologie, verharrt tatsächlich aber bei Episoden, die Aly für typisch hält. Originell. Aber auch gut?

Die Medien lieben runde Jahrestage und so stehen zumindest die bundesdeutschen 68er – allesamt ältere Damen und Herren – wieder einmal im Scheinwerferlicht der öffentlichen Aufmerksamkeit. Ein Zustand, den sie durchaus genießen. Es ist eine polarisierte Debatte um „Schuld“ oder „Verdienst“, in der die Aktivisten der Protestgeneration sich die Leistung zuschreiben, einen kulturellen und politischen Modernisierungsschub bewirkt zu haben, während ihre Gegner sie der Beihilfe an der Verluderung des öffentlichen Wertesystems bezichtigen. Eine legitime Debatte, trotz der ein wenig schiefen Alternative: Manche der dem Wirken der 68er zugeschriebenen Veränderungen haben tatsächlich strukturelle Ursachen.

Nun hat sich auch Götz Aly, der mit der These Aufsehen erregte, der Hitlersche „Volksstaat“ sei eine der Wurzeln des heutigen deutschen Wohlfahrtsstaates, mit einem unbestreitbar originellen Beitrag in die Debatte eingeschaltet. Der Titel ist sichtbar auf Provokation angelegt und interpretationsbedürftig: „Unser Kampf. 1968 – ein irritierter Blick zurück“. Das populäre Lehnwort Irritation ist in der Bedeutung gar nicht so klar, der Sprachgebrauch oszilliert zwischen Gereiztheit und Verunsicherung. Verunsichert ist dieses Buch nicht, die These, die im Haupttitel angesprochen wird, ist klar und denunziatorisch: Er behauptet eine Analogie zwischen der Frühgeschichte der NSDAP und der Jugendrevolte 68 und zwischen dem Selbstbild der 68er und Hitlers zweibändigem Bestseller, einer eigenartigen Mischung aus persönlicher Entwicklungsgeschichte und politischem Traktat. Hitlers Buch heißt „Mein Kampf“, doch der Autor springt vom Singular gerne in den Plural und spricht als selbst ernanntes repräsentatives Individuum von einem „unser“: „Ich meine dabei unter ,uns‘ all die Hunderttausende, die im Grunde genommen das Gleiche ersehnen, ohne im Einzelnen die Worte zu finden, das innerlich vor Augen schwebende zu schildern.“

Das haben die beiden Bücher gemeinsam: Auch bei Aly, der nicht mit Details aus seiner persönlichen Lebensgeschichte spart, sind „mein Kampf“ und „unser Kampf“ untrennbar verwoben. Sein Großvater war ein Nationalsozialist, der junge Aly hat sich 1971 bei einer kurzlebigen linksradikalen Berliner Kaderorganisation um die Mitgliedschaft beworben, wurde aber nicht aufgenommen: Dass er Kinder hatte, entsprach nicht dem revolutionären Ideal dieses Vereins. So landete er bei der „Roten Hilfe“, einer Vorfeldorganisation der RAF, hat dort wissentlich bei der „Geldwäsche“ von Raubgeld mitgeholfen und wurde 1973 wegen Hausfriedensbruch, Nötigung, Sachbeschädigung und Freiheitsberaubung verurteilt.

Das ist eine ein wenig traurige Biografie – dort, wo Aly „seinen Kampf“ absolvierte, ging es gar nicht lustig zu. Das Urteil erlebt er heute als „hilfreich“, es hätte den Rechtsfrieden hergestellt und die Grundlage der Aussöhnung mit den Opfern geliefert. Soweit, so gut; beichten erleichtert, und wir freuen uns, dass Götz Aly – im Gegensatz zu anderen Mitgliedern der „Roten Hilfe“ – zurück in die Gesellschaft gefunden hat. Doch hinter seiner Selbstbezichtigung steckt auch eine gehörige Portion Philistertum, die dem Buch den emotionellen Treibstoff liefert: Herr, ich danke Dir, dass ich nicht bin wie jene, die ähnliche Vergangenheiten haben und sie bis heute schönreden.

Sicher, das kann einen schon „irritieren“: eine Antje Vollmer etwa, die bis heute ihre eigenartige Biografie über Clara Zetkin unkommentiert lässt und sich selbst Immunität gegen Sektierertum bescheinigt, oder ein Joschka Fischer, der sich elegant als Elder Statesman präsentiert und seine Vergangenheit als Politschläger kleinredet. Es ist denkbar, dass es etwa rund um Joschka Fischer unter den Eingeweihten ein Gesetz des Schweigens gibt, einen „Ehrenkodex“, dass man über bestimmte Dinge, welche die Justiz als nichtverjährte Straftaten durchaus interessieren würden, „nicht spricht“. Aber da handelt es sich wohl um eine recht kleine Personengruppe, die irgendwo zwischen den maoistischen Sekten und dem direkten Vorfeld der RAF angesiedelt ist.

Alys „Irritation“ erhebt einen Anspruch auf Verallgemeinerung und umfasst jene in sich sozial und politisch extrem heterogene Masse, für die sich heute der vereinheitlichende Ausdruck „die 68er“ eingebürgert hat. Wo ist dann aber das titelgebende Subjekt dieses Buches zu verorten? Alys Polemik bleibt oft im unbestimmten und anonymen Bereich und nennt weder Ross noch Reiter. So lesen wir: „Im Frühjahr 1970 lautete die Parole ,Zerschlagung des Staatsapparats‘“ – aber wessen Parole war das und für wen war sie verbindlich? Als Beleg dient eine obskure „Rote Presse Konferenz“ – aber wer hat die gelesen? Oder, um auch gleich ein Beispiel für den befremdenden Stil der persönlichen Attacken Alys zu bieten: Wen meint – und wen interessiert! – der Vorwurf, dass eine
namenlose „postmarxistische Schnatterine“ von der „taz“ zur ehemaligen SED-Hauptstadt-Zeitung gewechselt sei und dort Ressortleiterin wurde? Und: was hat dieses Ereignis mit den 68ern in ihrer Gesamtheit zu tun?

Jeder, der, wie viele 68er, sein Leben erzählt, versucht, die Deutungshoheit über seine Biografie auszuüben. Aber es ist eine der professionellen Aufgaben von Historikern, Beschönigungen zu korrigieren – und dafür gibt es professionelle Regeln. Der Grundsatz „sine ira et studio“ jedenfalls gilt hier nicht mehr. Götz Aly hat ein Pamphlet geschrieben. Das titelgebende „unser“, das im Text immer wieder Repräsentativität für die ganze Bewegung beansprucht, umfasst großteils nur mehr oder minder prominente linksradikale Aktivisten.

Außer Streit sei gestellt, dass auch ein solcher „irritierter Rückblick“ durchaus das Auge schärfen kann. Mehrere der von Aly vor den Vorhang gezerrten Protagonisten haben Leichen im Keller, Antisemitismus in der Form der Entschuldigung als „Antikapitalismus“ (Ulrike Meinhof) oder „Antizionismus“ war ihnen nicht fremd, es gab Bereicherungen, Großsprecherei, Gangstertum, Opportunisten, Paranoiker, manipulierte Karrieren und als listige Lebensstrategie gefeierten sozialen Parasitismus. Der Affekt, der sich angesichts des Umstandes einstellt, dass manche dieser Leute sich bis heute als „auf der richtigen Seite“ stehend sehen, ist nachvollziehbar. Viele hatten ein gebrochenes Verhältnis zum Rechtsstaat, wobei auch Aly einräumt, dass die „Spiegel“-Affäre und die glänzenden Beziehungen der BRD zum Schah, zu Franco und den griechischen Obristen nicht geeignet waren, die demokratische Kultur in Deutschland zu fördern.

Rudi Dutschke gilt mittlerweile als eine Lichtgestalt und seine Schriften gehören zum Kanon des Jahres 68, doch bei einer heutigen Lektüre befremdet das ungeheure Gewaltpotenzial, das sich in ihnen artikuliert. Wenn einer das so formulieren will wie Aly, dass nämlich Dutschkes Sätze nach Hitlers Fantasien stänken, dann soll er das tun.

Nur: Selbst einer heutigen Lektüre ist Dutschke ein schwieriger Autor und wurde wohl massenweise gekauft, aber von den zwischen 5000 und 18.000 Menschen, die nach dem Attentat auf Dutschke täglich in deutschen Städten demonstrierten, kaum kompetent gelesen. Wenn man sich auf düstere Figuren wie etwa Dutschke, Bernd Rabehl und Horst Mahler konzentriert, ist das Ergebnis zudem programmiert. Wo ist der ganze Spaß jener Jahre, die zumindest in der Popmusik noch immer leben? Offensichtlich ist das in die dunklen Lebensecken des Götz Aly nicht gedrungen und auch nicht in seine Archive.

Also jener „Kampf“, den Aly beschreibt, war nicht „unser“ Kampf im Sinne dessen, was manche heute die „Bewegung“ der 68er nennen, sondern der des irregeleiteten Aktivisten Götz Aly und einer kleinen, damals wie heute medial präsenten Gruppe, die er uns vorführt. Die 68er, das kann man lernen, wenn man es nicht schon gewusst hatte, hatten einen totalitären Flügel mit einem Hang zur „direkten Aktion“, der die öffentliche Aufmerksamkeit mit Hilfe der Medien okkupierte, einfach weil er die bessere Geschichte hatte. Aber sind solche nicht unbekannten Fakten wirklich ausreichend für ein Buch? Dass die Übergänge zwischen den „angeblichen oder tatsächlichen emanzipatorischen Effekten des Protestes“ und der „massiven, direkt gegen Menschen gerichteten Gewalt“ fließend gewesen seien, ist schlicht ein reduktionistischer Blödsinn.

Was soll man also mit dem Buch anfangen? Es ist schwer lesbar, denn es hat ein Strukturierungsproblem, scheinbar folgt es einer Chronologie, doch tatsächlich verharrt es bei Episoden, die Aly für typisch nimmt und die er für Interpretationen verwendet, die sich durch die Jahrzehnte ziehen. Wer sich eine systematische Geschichte der 68er erwartet, wird es schnell enttäuscht zur Seite legen. Dennoch enthält es einige repräsentative Beobachtungen, die den überlebenden 68ern Anlass zur Selbstkritik geben können. Etwa das Herausar-beiten des Umstandes, dass viele 68er in-flationär vom Faschismus gesprochen haben, sich aber kaum an der – innerfami-
liär vielfach mühseligen – Aufarbeitung des Holocaust beteiligt, sondern mit ihrer Universalisierung des Faschismus-Begriffs und mit der Gleichsetzung von My Lai und Auschwitz die Geschehnisse im eigenen Land vernebelt haben.

Von der Relativierung des Holocaust zum Antisemitismus ist es oft nur ein kleiner Schritt – aber haben den Alys Antihelden wirklich getan? Bernd Rabehl etwa hat nach der Niederschlagung des „Prager Frühlings“ den tschechischen Wirtschaftsreformer Ota Sik rüde kritisiert. Das war im damaligen Kontext zu erwarten, ist auch berichtenswert, weil Alys 68er die Bedeutung des Prager Experiments leugneten. Rabehl wird Sik wohl einen reformistischen Revisionisten genannt haben, so sprach man damals. In Alys Bericht hat Rabehl den „jüdischen Mauthausen-Häftling“ kritisiert, und das stellt auf der Andeutungsebene einen schwerwiegenden Vorwurf dar, für den der Beleg fehlt.

Damit sind wir an dem Punkt, wo Götz Aly einfach ausklinkt. Dass die 68er von den Pathologien des Jahrhunderts getrieben waren, mag gut klingen, ist aber insofern keine neue Erkenntnis, weil wir mittlerweile wissen, dass sich die Folgen dieser Pathologien in unzähligen gesellschaftlichen Räumen finden lassen. Bei Aly heißt das, dass „die 68er“ die direkten Nachfolger ihrer „Väter“, „der 33er“, also der intellektuellen Nazi-Aktivisten, waren. Das ist zunächst eine sehr ärgerliche Feststellung, weil sie die zahlreichen Kinder von Verfolgten des NS-Regimes einfach aus der Gemeinschaft „unseres Kampfes“ ausschließt. Bei der „Roten Hilfe“ scheint es keine jüdischen Genossen gegeben zu haben. Vor allem: Die Analogien zwischen „Vätern“ und „Söhnen“, die Aly nennt, sind nicht aussagekräftig. Die fragmentarische, präindustriell orientierte, politische Philosophie Heideggers kennt er nicht, sonst könnte er nicht eine Analogie zum industriell orientierten Rätesystem sehen. Ja, „Väter“ und „Söhne“ hassten den „Spießer“, doch das haben auch Heinrich Mann, Kurt Tucholsky und Karl Kraus getan, ohne dass man sie Alys dubioser „Generation 33“ zurechnen kann; ja, man bemühte sich um einen „Neuen Menschen“, aber das ist allen Jugendbewegungen seit dem „Sturm und Drang“ gemeinsam; ja, man war gegen das kapitalistische Bildungsmonopol, aber das ist auch Alfred Gusenbauer, und der ist weder ein 68er noch ein 33er, sondern ein selbst ernannter Enkel Kreiskys. Kurz: Das ist ein „irritierendes“ Buch, eine eitle Nabelschau des Götz Aly auf „Seinen Kampf“, die weniger Aufmerksamkeit verdient, als der laufende Medien-Hype suggeriert. ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.02.2008)