Irgendetwas stimmt da nicht

Wir haben kein Auto, wir tragen keine Patschen. Sind wir deshalb nicht normal?

Jetzt habe ich es offiziell: Wir sind also anders. Gesagt hat es Bernadette, eine Freundin von Hannah, die auch gerade acht ist. In dem Alter sind sie oft noch erfrischend ehrlich – oder auch verblüffend taktlos, das hängt von der Perspektive ab.

Wie auch immer: Jedenfalls saß das Mädchen bei uns in der Küche und hat gemeint, wir seien „anders als andere Familien“. Genau so hat sie es gesagt: „anders als andere Familien.“ Wenn sie gesagt hätte, Stephan sei anders als andere Väter, dann hätte ich das ja noch verstanden – immerhin war er seit Monaten nicht beim Friseur, in seinem Zimmer schaut es schlimmer aus als in dem der Kinder nach einer Faschingsparty und er macht Gedichte wie „Immerhin/ Ist im Sarg wer drin“ (Gedichte zum Nachbeten). Aber das war es nicht. Das hier betraf nicht nur ihn, das betraf uns alle. Als Familie.

Vermutlich, überlegte ich, hat Bernadette sogar recht. Wir sind wirklich ein bisschen anders. Wir haben kein Auto. Wir tragen keine Patschen. Unser Tischspruch lautet: Guten Appetit – Guten Appefritt – Guten Appetoast. Unser Badezimmer ist zum Teil verglast, was ich immer ganz praktisch gefunden habe, weil ich so von der Küche aus die Kinder beim Baden beobachten kann. Und dann sind da noch die Kinderzeichnungen, die außen an der Wohnungstür picken.

Wobei ich mich in diesem Fall rechtfertigen kann: Den Tipp habe ich von einem Polizisten. Der hat gemeint, das sei der beste Schutz vor Einbrechern. Einbrecher mögen nämlich keine Kinder. Erstens seien Kinder unberechenbar. Das stimmt! Und außerdem sei bei jungen Familien eh nichts zu holen. Stimmt ebenfalls!


So saß ich also am Küchentisch und mir fiel immer noch mehr ein, was bei uns nach außen hin vielleicht ein bisschen komisch wirkt. Nicht so mein Mann. Er ist da praktischer. Er fragte nach. „Und warum sind wir anders als andere Familien?“ – „Ihr habt so wenig“! – „Aber was haben wir so wenig?“ – „Ihr habt“, sagte Bernadette und tupfte sich mit dem Tempotaschentuch die Tomatensauce vom Mund, „keine Servietten!“

Wenn es weiter nichts ist: Die habe ich doch nur vergessen! Nächstes Mal schreibe ich einen Einkaufszettel.


bettina.eibel-steiner@diepresse.com("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.02.2008)

Lesen Sie mehr zu diesen Themen:


Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt
Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.