Kosovo-Unabhängigkeit. Nach den Ausschreitungen am Sonntag sind Serbenvertreter um Deeskalation bemüht. Die Proteste werden dennoch fortgesetzt, die Polizei rechnet damit, dass es wieder zur Eskalation kommen kann.
WIEN. Nach der aus dem Ruder gelaufenen Serben-Demo am Wochenende stellt sich die Frage, wie es um die serbische Community in Österreich bestellt ist. Was weiß man über sie?
1. Wie viele Serben gibt es in Österreich überhaupt?Fakt ist, dass die Serben die größte Bevölkerungsgruppe mit Migrationshintergrund sind – vor Deutschen und Türken. Die genauen Zahlen hängen von der Definition ab: Mit 1.1.2007 lebten in Österreich 137.289 Menschen mit serbischer und montenegrinischer Staatsangehörigkeit, 75.895 davon in Wien. Geht man nach dem Geburtsland, kommt man auf 190.163 Menschen aus Serbien und Montenegro. (Wien: 103.144) Nicht erfasst sind bei diesen Zahlen in Österreich geborene Kinder serbischer Eltern. Schätzungen, die diese berücksichtigen, gehen von 300.000 Menschen mit serbischem Migrationshintergrund aus.
2. Wie gefährlich waren die Ausschreitungen bei der Demo?„Für österreichische Verhältnisse war es heftig“, sagt Werner Autericky, Leiter des Wiener Landesamts für Verfassungsschutz und Terrorismusbekämpfung (LVT), „und untypisch für unsere Demonstrantenszene“. Mehrmals musste die Polizei mit Waffengewalt – Pfefferspray und Schlagstock – einschreiten. Auf der Ottakringer Straße warfen Demonstranten mit Steinen, Flaschen und Metallgegenständen nach Polizisten. Zwei Beamte wurden verletzt. Schlagringe, Messer, eine Eisenstange und eine Gaspistole wurden konfisziert. Sieben Menschen wurden festgenommen, von mehr als hundert wurden die Personalien aufgenommen. Es gab mehrere Sachbeschädigungen, unter anderem wurden mehrere Fensterscheiben zerstört.
3. Wer waren die Randalierer, die durch die Stadt zogen?Es waren rund 500, vor allem junge Serbinnen und Serben, die sich von der angemeldeten Demonstration mit geschätzten 5000 bis 6000 Teilnehmern am Heldenplatz abspalteten und zunächst zum Marsch auf die US-Botschaft in der Boltzmanngasse (9. Bezirk) und danach nach Ottakring ansetzten. Die Veranstalter sprechen von „ein paar Schwachsinnigen“, zum Teil sollen auch Alkoholisierte darunter gewesen sein. „Diese Gruppe spiegelt nicht die Mehrheit der Serben wider“, so Demo-Initiator Darko Miloradovic, „und wir distanzieren uns von ihnen.“
4. Besteht die Gefahr weiterer Auseinandersetzungen?Bei der Polizei sieht man die Lage nicht allzu entspannt. Man werde sich einstellen müssen, dass so etwas noch einmal vorkommt, sagt LVT-Chef Autericky. Man werde die Szene genau beobachten und im Anlassfall sofort eingreifen. Politologe und Balkan-Experte Vedran Dzihic sieht es nicht so drastisch: „Es ist nicht so gefährlich, wie es ausgesehen hat.“ Er beschreibt die Ausschreitungen als Spiegelbild dessen, was in Belgrad passiert. Durch Emotionalisierung gingen die Wogen hoch, doch seien solche Ausbrüche nur punktueller Natur. Zwar würde der Kosovo nicht aus dem serbischen Nationalbewusstsein verschwinden, doch werde sich mit der Zeit ein pragmatischer Umgang einstellen
5. Wie wird der weitere Protest von serbischer Seite aussehen?Für nächsten Sonntag ist am Heldenplatz eine weitere Kundgebung angemeldet – allerdings von einem anderen Verein als vergangenen Sonntag. Die Polizei wird nach den Erfahrungen vom Sonntag verstärkt präsent sein. Aber schon vorher könnte es zu Protesten von serbischer Seite kommen. Dann nämlich, wenn die offizielle Anerkennung des Kosovo durch den Bundespräsidenten erfolgt. Der Ministerrat hatte bereits vergangenen Mittwoch dafür gestimmt, doch erst mit Erlaubnis des Bundespräsidenten kann Außenministerin Ursula Plassnik offiziell diplomatische Beziehungen mit dem neuen Staat aufnehmen – vermutlich noch in dieser Woche.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.02.2008)