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"I'm not there": Wirres Haar und Hang zum Wahnwitz

Ein Gesellschaftsbild als große Bob-Oper: das Dylan-Kaleidoskop „I'm Not There“. Ab Freitag.

Der wirkliche Bob Dylan – so es angesichts seines Rätselkönig-Auftretens überhaupt sinnvoll ist, vom „wirklichen“ Dylan zu sprechen – kommt in I'm Not There genau zwei Mal vor. In einer Texttafel zu Anfang, wo Regisseur Todd Haynes Farbe bekennt: Sein Film sei „inspiriert von der Musik und den vielen Leben des Bob Dylan“. Und am Schluss: eine Nahaufnahme des Musikers beim Mundharmonikasolo. Aber zu diesem Zeitpunkt hat Haynes' kaleidoskopischer Film seine Dylan-Bilder längst so durcheinandergewirbelt, dass es wie eine Geistererscheinung wirkt. Ganz im Sinne des Rätselkönigs, steht zu vermuten. (Dessen unterschätzter letzter Film, Masked and Anonymous, war ja auch vor allem: mysteriös.)

Aber I'm Not There ist nicht nur ein Epos zu Bob, sondern auch zu Pop. Es gibt sieben Dylan-Inkarnationen, von sechs Darstellern verkörpert, ihre Erlebnisse und ihr Erscheinungsbild sind vage verschiedenen Karrierephasen zuzuordnen. Am klarsten der auffälligste Besetzungscoup: Cate Blanchett als jener Dylan, wie er im klassischen Musikdokument Don't Look Back auf Britannien-Tournee 1965 verewigt wurde, samt wirrem Haar und Hang zum Wahnwitz. Haynes reinszeniert seine übersteigerte Version der Verblüffung Englands durch den wortspielenden Rebellen aber nicht schlicht in dessen Vérité-Stil, sondern versetzt sie mit einem Schuss Fellini-Flimmern (man mag sich erinnern: 8 1/2, ein Lieblingsfilm Dylans) und etwas hochglänzender Hektik gemäß damaliger Beatles-Filme. Prompt entlaufen die Fab Four beschleunigt hinten durch das Bild, Blanchett sagt ihnen dazu leise Sayonara.

Humor, nicht nur für Insider, ist ein Rückgrat der frei assoziierenden Struktur von I'm Not There, ein anderes das Verhältnis zu Mythos und Gesellschaft: Die Form des Films mutiert beständig – wie „Dylan“. Er ist viele, vom kleinen schwarzen Jungen, der Woody Guthrie verehrt, über einen frühen Folk-Star, der als Rockprediger wiederkehrt (brillant: Christian Bale) bis zum an Dylans Filmauftritt (samt Musikbeigabe) im Westernklassiker Pat Garrett und Billy the Kid angelehnten Outlaw (Richard Gere), der in einer Stadt namens Riddle untergetaucht ist.

Aber Haynes ironisch-poetisches gebrochenes Kaleidoskop hat mehr im Sinn als bloßes Rätselspiel: Die Vielfalt spiegelt das (Selbst-)Bild einer aufgeschlosseneren USA, kritisch ist der Film eher als gesellschaftliche Phantasmagorie denn als Dylan-Kunststück. Der Meister steuert dazu – abgesehen vom angemessen mysteriösen Abgang – seine Songs bei, auch die öfters gebrochen (in Form von Coverversionen) und im Kontext geheimnisvoller denn je. Im Übrigen erinnert das an das auch schon von der Klassik genutzte Faktum, dass Musik heute kaum wo so brillant klingt wie auf optimierten Kino-Soundanlagen: In diesem Sinne sollte man I'm Not There auch als Bob-Oper würdigen.

ZUR PERSON

Todd Haynes (*1961, Los Angeles) studierte Kunst und Semiotik. Sein Barbiepuppen- film „Superstar: The Karen Carpenter Story“ (1988) war kontrovers, es folgten die Spielfilme „Poison“ (1991) und „Safe“ (1995). Mit „Velvet Goldmine“ (1998) und „Dem Himmel so fern“ (2002) erreichte Haynes ein breiteres Publikum. [tobis]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.02.2008)