Die richtige Haltung an der Uni: Tipps vom Physiotherapeuten

(c) Die Presse (Michaela Bruckberger)
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HALTUNGSSCHÄDEN. Ob am Boden, in der Sitzbank oder am Stehpult: Beim Mitschreiben in Vorlesungen kann der Rücken ziemlich leiden.

Fünf Minuten vor Vorlesungsbeginn. Der Hörsaal ist voll bis auf den letzten Platz. Aber ein Plätzchen am Boden findet sich noch. Hier lässt man sich nieder und schreibt die nächsten 60 Minuten hockend mit.

Kein untypisches Szenario im Studentenalltag. Aber welche Folgen hat es, wenn man stundenlang im Schneidersitz in den Vorlesungen sitzt? „UniLive“ hat vom Bundesverband der Physiotherapeuten (Physio Austria) eine Einschätzung der Haltungsschäden bei gekrümmt sitzenden Studenten erbeten. „Bei einer starken Rundrückenhaltung, wie es der am Boden sitzende Student vorzeigt, können bald Probleme im gesamten Rückenbereich auftreten“, erklärt Martin Weidinger, Bundesvertreter der freiberuflichen Physiotherapeuten: „Die Bänder sind zu stark gespannt, die Muskulatur überdehnt, durch die vornüber gebeugte Haltung muss die Kopfhaltemuskulatur permanent arbeiten.“ Das führt zu Verspannungen im Nacken und dem gesamten Schultergürtel. Auch der Schneidersitz ist mit Vorsicht zu genießen, denn die Durchblutung der Beine wird dabei behindert. Das begünstigt Krampfadern und Venenprobleme. Aber müssen sich junge Studenten schon Sorgen um Krampfadern machen? „Und wie. Die Gesundheitsprobleme, die früher dem hohen Alter zugeschrieben wurden, beginnen immer früher. Der jüngste meiner Patienten, der eine Bandscheibenoperation benötigt hat, war nur 16 Jahre alt“, warnt Weidinger.

„Sitzbank kein gutes Sitzmöbel“

Wie ergeht es den Studenten, die einen begehrten Sitzplatz ergattert haben? „Die Sitzbank ist kein gutes Sitzmöbel“, urteilt Weidinger. Die nicht verstellbare Sitzhöhe sei eine „Katastrophe“, vor allem für hoch gewachsene Studenten. Weiters ist die Sitzfläche nach hinten geneigt, obwohl eine leichte Neigung nach vorne ergonomisch sinnvoll wäre. Dazu sollte die Rückenlehne die natürliche Krümmung der Wirbelsäule (ein leichtes Hohlkreuz) unterstützen.

„Die Schreibfläche sollte höhenverstellbar sein, denn hier hat der Student keine andere Wahl, als gekrümmt zu sitzen“, bemängelt der Physiotherapeut. Anhand der von „UniLive“ gemachten Beispielbilder (s. oben) kann er dem jungen Mann Probleme im Rücken, Nacken und Schulterbereich voraussagen. Außerdem ist die Knie- und Hüftbeugung beim Sitzen in der Bank viel zu stark.

„Die besten Voraussetzungen für einen gesunden Rücken bieten sich eigentlich am Stehpult“, erklärt Weidinger. Doch im Fall des Hörsaals ist das Stehpult keine ideale Lösung, da die Höhe nicht verstellbar ist. Bei besonders großen Menschen können durch die gebeugte Haltung Schmerzen im Lendenwirbelbereich auftreten. Der Student kann aber durch bequemes Abstützen die Belastung reduzieren.

Chancen zur Bewegung nutzen

Welche Tipps gibt es für Studenten mit schmerzendem Rücken? „Wichtig ist, dass Sitzen ein dynamischer Prozess sein soll. Man sollte so oft wie möglich die Position wechseln und einseitige Belastungen vermeiden. Nutzen Sie jede Chance zur Bewegung!“, fordert Weidinger auf.

Während der Vorlesung kann man zwischendurch Ausgleichsbewegungen durchführen: Gegenstrecken der Wirbelsäule, Vorbeugen des Beckens, mit den Handflächen auf der Sitzfläche abstützen und das Gesäß etwas in die Höhe heben. All das fördert die Durchblutung und stört den Unterricht nicht. Bei Ausgleichsbewegungen der Schulter- und Nackenmuskulatur würde man allerdings eigenartige Blicke im Hörsaal ernten: Den Kopf abwechselnd ganz nach links und ganz nach rechts drehen und jeweils leicht nicken. Solche Übungen könnte man aber ungestört während der Pause auf der Toilette durchführen. „Nach der Vorlesung unbedingt Bewegung machen. Man kann spazieren gehen oder einfach den Kaffee im Stehen statt im Sitzen trinken“, sind Weidingers Tipps.

Wenn all das nichts hilft und man jeden Abend mit Rückenschmerzen von der Uni nach Hause kommt? „Die billigste Methode, um den Rücken zu massieren, benötigt nur eine Socke und zwei Tennisbälle“, rät Weidinger den Leuten, die sich keinen Masseur leisten können: Man stopfe einen Tennisball in die Socke bis zum Zehenende und knüpfe einen Knoten dahinter. Dann den zweiten Ball hinein, noch ein Knoten zum Verschließen: Fertig ist das Massagegerät. Man braucht nur noch eine Zimmerwand dazu.

Vor der Wand aufrecht hinstellen, den Socken zwischen Wand und Rücken einklemmen, so dass der mittlere Knoten die Dornfortsätze ausspart und die Bälle links und rechts der Wirbelsäule zu liegen kommen. Dann muss man nur mehr den Körper auf und ab bewegen und die Bälle massieren die Rücken- und Nackenmuskulatur. So kann man auch mit kleinen Dingen dem verspannten Rücken Entlastung bringen.

HALTUNGSTIPPS

Der ideale Arbeitsplatz:
Beim Schreibtischsessel sollten Sitzfläche, Armlehnen und Rückenlehne verstellbar sein.
Zwischendurch am Gymnastikball sitzen oder am Stehpult arbeiten, hilft in Bewegung zu bleiben.
Als ergonomische Hilfsmittel dienen eine schräge Buchstütze oder Armstützen für die „Maus-Hand“ bei Computerarbeit.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.02.2008)

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