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Semantische Navigation: Orientierung für Fußgänger

(c) APA (Barbara Gindl)
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Salzburger und Wiener Forscher klären in dem Forschungsprojekt „SemWay“, wie sich Fußgänger orientieren. Sie wollen auf diesen Erkenntnissen ein maßgeschneidertes Navigationssystem entwickeln.

Nie zuvor wurden so viele Navigationssysteme verkauft wie im Vorjahr. Für die Fortbewegung per Pkw sind die Systeme auch weitgehend ausgereift, sie bieten alles, was der Autofahrer braucht, um schnell und sicher vom Punkt A zum Punkt B zu gelangen. Ist man per pedes unterwegs, sieht die Sache völlig anders aus: Wer schon einmal versucht hat, ein herkömmliches Navi-System im Fußgänger-Modus zu benutzen, merkt schnell die Beschränkungen. Denn zu Fuß bewegt man sich anders fort als per Auto. Und: Ein Fußgänger orientiert sich an völlig anderen Merkmalen der Umgebung als ein Autofahrer.

„Eine Information wie ,In 30 Metern biegen Sie rechts ab‘ bringt nicht viel“, ist Katja Schechtner, Verkehrsexpertin bei Arsenal Research, überzeugt. Menschen orientieren sich eher an Informationen wie „hinter dem Kaffeehaus“. In der Wissenschaft wird diese Art der Orientierung „landmark orientation“ genannt (siehe Artikel rechts).

Dass Auto-Navi-Systeme Fußgänger eher verwirren als Nutzen bringen, haben Forscher in dem Forschungsprojekt „SemWay“ bereits in Experimenten nachgewiesen. Dieses Projekt – der Name steht für „Semantic Wayfinding“ – wird von Salzburg Research gemeinsam mit der TU Wien sowie einigen Firmenpartnern durchführt, gefördert wird es vom Impulsprogramm FIT-IT des Infrastrukturministeriums. Ziel ist die Entwicklung eines „semantischen“ Navi-Systems, das genau jene Informationen liefert, die Fußgänger brauchen. Herausgefunden werden soll, welche Informationen das sind, und wie man sie beschreiben kann.


Kategorien im Kopf

Im Vorjahr wurden Versuche mit je zehn Personen auf je zwei Routen in Salzburg und Wien durchgeführt, berichtet Projektkoordinator Karl Rehrl (Salzburg Research). Die – ortsunkundigen – Versuchspersonen wurden von einem Versuchsleiter begleitet, sie mussten bei Entscheidungspunkten stehen bleiben und die Möglichkeiten verbal beschreiben. Dabei sollen die Menschen möglichst wenig die Wörter „links“ oder „rechts“ benutzen, sondern sie sollen die Umgebung beschreiben. Das ist die Basis für alle weiteren Forschungen: Aus den Wörtern versuchen die Forscher semantische Prozesse abzuleiten, die im Gehirn der Menschen ablaufen, diese „Ontologien“ sollen für die Konzeption von besseren Navi-Systemen genutzt werden.

Im Hintergrund stehen dabei zwei Theorien: Die erste ist das „Image-schematic“-Konzept. Rehrl: „Wir sehen die Umgebung und bilden sie in Schemen ab.“ Solche Schemen – in der Literatur sind 36 dokumentiert – sind zum Beispiel „Vertikalität“, etwa ein Kirchturm. Oder „Container“ – ob man sich innerhalb oder außerhalb eines Hauses oder Parks befindet. „Der große Vorteil von Schemen ist, dass sie unabhängig von der Sprache sind“, erläutert Rehrl.

Stärker ins Spiel kommt die Sprache bei der zweiten Theorie namens „basic level“. Dabei wird der Zusammenhang zwischen den verbalen Beschreibungen und der Kategorienbildung im Gehirn untersucht. Physikalische Objekte in der Umgebung würden sprachlich in bestimmte Kategorien gefasst, erläutert Rehrl. Ein Gegenstand werde beispielsweise als „Pferd“ kategorisiert. Die Wahl der Kategorie hängt stark davon ab, wie weit ein Mensch mit einer Sache vertraut ist: „Pferd“ kann etwa zur Kategorie „Tier“ generalisiert werden – oder im Zuge einer Spezialisierung in verschiedene Pferderassen aufgespalten werden. Die Kategorisierung ist zudem kulturabhängig – so wie etwa Eskimos mehr als 20 Kategorien von „Schnee“ kennen, so Rehrl.


Touristen und Tourengeher

Die Auswertung der gesammelten Daten soll nun klären, ob es bei der Orientierung von Fußgängern überhaupt solche Kategorien gibt. Wenn es sie gibt – und davon ist Rehrl überzeugt –, dann sollen im nächsten Schritt Weganweisungen aufgebaut werden, die von vielen Menschen verstanden werden. Für die formalisierte Beschreibung eines Weges sollen die „Image-schematic“-Konzepte dienen, für die Übersetzung in Sprache das „Basic-level“-Konzept. In einer ersten Phase soll ein Fußgänger-Navi-System konzipiert werden, das die Anweisungen per geschriebenem Text wiedergibt, später ist auch daran gedacht, diesen durch einen Sprachgenerator in gesprochene Sprache zu verwandeln. Der aufwendige Punkt, hält Rehrl fest, sei die Auswertung der Daten. Die technische Umsetzung gehe dann relativ schnell. Laut Zeitplan soll Mitte 2009 ein Prototyp fertig sein.

Noch spannender wird die Sache in den nächsten Wochen: Da verlassen die Forscher die Stadt und machen Experimente mit Skitourengehern. „Es gibt überhaupt keine Erfahrung, wie sich diese im Gelände orientieren.“ Noch dazu, wo es in einer verschneiten Hochgebirgslandschaft kaum Orientierungspunkte gibt. Als Versuchspersonen dienen sowohl erfahrene Tourengeher als auch Menschen, die das selten machen. Rehrl: „Wir erwarten in der sprachlichen Beschreibung große Unterschiede.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.02.2008)