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Jersey: Kinder im Heim fast täglich vergewaltigt

(c) Reuters (Toby Melville)
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Ältere Zöglinge wurden angestachelt, Jüngere zu vergewaltigen. Die "Bestie von Jersey", ein pädophiler Serientäter, kam als Weihnachtsmann ins Kinderheim. Im zugemauerten Keller vermutet die Polizei ein Massengrab.

Große Wellen schlägt der Fund einer verwesten Kinderleiche in dem ehemaligen Kinderheim Haut de la Garenne auf der britischen Kanalinsel Jersey. Nun wurden weitere Gebeine gefunden. Vermutlich handelt es sich dabei um den Knochen eines Kindes. Währenddessen berichten immer mehr Zeugen über brutalen sexuellen Missbrauch von Mädchen und Buben. Die Details werden dabei immer grausamer. Folter und Vergewaltigungen waren nichts Außergewöhnliches. Teilweise wurden Kinder als vermisst gemeldet und tauchten nie wieder auf. Damals hieß es, sie seien wieder nach Hause gegangen, so "Spiegel online".

Schwächste Kinder wurden vergwaltigt

Zeuge der Gräueltaten war auch der heute 59-jährige Peter Hannford. Ältere Kinder wurden von Heimmitarbeitern aufgestachelt, jüngere anzugreifen und zu vergewaltigen, berichtet er. Als Heimkind mit zwölf Jahren sei er damals fast jede Nacht Opfer solcher Gewalttaten geworden.

Auch andere Zöglinge aus Haut de la Garenne brachen jetzt ihr Schweigen. Sie erzählen davon, wie sich Angestellte betranken und systematisch die schwächsten Kinder für sexuellen Missbrauch auswählten. "Vergewaltigungen von Mädchen und Buben in allen Altersgruppen waren an der Tagesordnung", erzählt eine ehemalige Heimbewohnerin.

"Grausam, sadistisch und einfach die Hölle"

Viele der Opfer schildern unter Tränen ihre Erlebnisse. "Es war grausam, sadistisch und einfach die Hölle", erzählt die 49-jährige Pamela. Weil sie zu den Schwächsten gehörte, musste sie ständige Vergewaltigungen über sich ergehen lasse, sagt die zweifache Mutter. Eine weitere Frau berichtet, wie die Angestellten mit ihnen "Flipperball" spielten: Dabei wurden die Kinder so herumgewirbelt, dass sie gegen Möbel und Wände prallten.

Bei Fehlverhalten wurden die Zöglinge grausam bestraft. Die Mädchen und Buben wurden in eine drei mal vier Meter große Zelle gesperrt. Dort wurden sie gefoltert und oft zugleich sexuell missbraucht. Wenn die ganze Wahrheit ans Licht kommt, könnte das Königreich mit dem weitaus schlimmsten Missbrauchsskandal auf britischem Boden konfrontiert werden, schreibt die "Daily Mail".

Die Opfer kommen nicht nur aus Großbritannien, auch aus Deutschland, Australien und Thailand meldeten sich ehemalige Heimbewohner. Einige Kinder hielten den ständigen Missbrauch nicht aus. Der damals 14-Jährige Micheal Collins floh aus Haut de la Garenne. Kurz darauf wurde er erhängt an einem Baum gefunden, erzählt sein ehemaliger Heimkollege.

"Bestie von Jersey" als Weihnachtsmann

Die Kinder mussten aber noch ganz andere Grausamkeiten über sich ergehen lassen. Er war ein Pädophiler, der ganz Jersey in Panik versetzte: Edward Paisnel, die "Bestie von Jersey", überfiel und vergewaltigte Frauen und Kinder auf brutalste Weise. Auch in Haut de la Garenne dürfte er bekannt gewesen sein. Als Weihnachtsmann verkleidet hat er das Heim besucht, die Kinder mussten ihn "Onkel Ted" nennen. Später wurde er wegen Körperverletzung und Vergewaltigung zu 30 Jahren Haft verurteilt, 1994 starb er. Von den Besuchen im Kinderheim hatte Paisnels Ehefrau schon 1972 in einem Buch berichtet.

Rund 200 mutmaßliche Opfer und Zeugen von Vergewaltigungen haben sich bisher bei der Polizei gemeldet. Bis an den Beginn der 60er Jahre reichen die Missbrauchsvorwürfe zurück, so die Polizei. Diese rechnet mit einem Massengrab in dem zugemauerten Keller des ehemaligen Kinderheims.

Hinter einer Betonwand entdeckte die Polizei nicht die verweste Kinderleiche. In dem zugemauerten, fensterlosen Raum fand die Polizei auch Folterwerkzeuge. Die Kammer war auf den Plänen des Heims nicht eingezeichnet, viele der ehemaligen Bewohner können sich jedoch daran erinnern. Zur Strafe wurden sie alleine in den stockdunklen Raum eingesperrt. Im Keller seien außerdem die Schreie missbrauchter Kinder zu hören gewesen, berichten Zeugen.

Leichenspürhunde schlugen erneut an

Speziell ausgebildete Spürhunde haben erneut angeschlagen. Auch in einem zweiten Keller zeigten die Tiere Reaktionen, wie bei dem ersten Leichnfund. "Wir müssen damit rechnen, weitere sterbliche Überreste mutmaßlicher Opfer von Kindesmissbrauch zu entdecken", so Lenny Harper, stellvertretender Polizeichef von Jersey. Bevor die Suche nach weiteren Leichen fortgesetzt wird, muss die Statik des Gebäudes überprüft werden. Erst kürzlich musste die Suche wegen Einsturzgefahr unterbrochen werden.

Inzwischen meldete sich auch der Ministerpräsident der Kanalinsel, Frank Walker, zu Wort: "In Jersey gibt es kein Versteck für Kinderschänder oder jemanden, der in irgendeiner Weise damit zu tun hat." Konter kommt von Senator Stuart Syvret. Er spricht von Verschleierung bis in höchste Kreise. "Vermutlich hat jemand gedacht, dass der Umbau des Gebäudes in eine Jugendherberge eine gute Gelegenheit sei, die Knochen für immer verschwinden zu lassen", erzählte er laut "Guardian".

Missbrauchsvorwürfe in weiteren Heimen

Nachdem nun die Missbrauchsserie in Haut de la Garenne aufgeflogen ist, melden sich auch Opfer aus anderen Heimen. So berichtet eine 38-jährige Frau von sadistischen Quälereien in "Les Chennes", einer weiteren Einrichtung in Jersey. Auch die Polizei im südenglischen Hampshire erhielt neue Hinweise auf sexuelle Gewaltaten. Diese sollen sich in einem Heim in der Hafenstadt Portsmouth ereignet haben. Ermittlungen in diesem Fall wurden vor Jahren eingestellt, nachdem alle beschuldigten Angestellten gestorben waren.

(Ag./Red.)