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Noch 100 Tage: EM bringt Partnerkrisen & weniger Sex

(c) Die Presse (Clemens Fabry)
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Wie sehr Leben und Alltag der Österreicher durch die Fußball-Europameisterschaft beeinflusst werden, decken Wissenschaftler in einer Umfrage auf.

WIEN. Noch 100 Tage bis zur Euro 2008. Passend dazu hat die Fakultät für Wirtschaftswissenschaften der Universität Wien erhoben, was auf die Österreicher während der Fußball-Europameisterschaft zukommt – in zwischenmenschlicher Beziehung. Die Details der repräsentativen Studie (1500 Befragte), die der „Presse“ vorliegt, zeigt: Der Alltag im Juni könnte sich massiv ändern.


•Flaute im Bett. Im Juni haben die Österreicher offenbar anderes zu tun, als sich dem zwischenmenschlichen Kontakt hinzugeben. 30 Prozent der Befragten rechnen mit weniger Sex. Frei nach dem Motto: Fußball- statt Liebesspiel.

Ein interessantes Detail: 14 Prozent erwarten, dass sie im Juni sogar mehr Sex haben. Dabei dürfte es sich um die Gruppe absoluter Fußball-Gegner handeln, die sich im Juni eine alternative Freizeitbeschäftigung suchen muss – weil im TV die ganze Zeit Fußball läuft; die Stadt im Euro-Taumel versinkt.


Beziehungskrisen. Nicht nur im Bett, sondern auch im Beziehungsalltag herrscht Stille. Die Hälfte der Österreicher rechnet damit, wegen der Euro 2008 weniger Zeit mit dem Partner verbringen zu können. Diese Mischung ist der Stoff für Beziehungskrisen. Deshalb ist ein Drittel (!) der Österreicher überzeugt, dass es wegen der Euro 2008 zu Konflikten kommt, die in einer Beziehungskrise münden. Zehn Prozent geben sogar an, dass die Fußball-EM zu einer Scheidung führen kann (also die Scheidungszahlen während der EM steigen); rund 20 Prozent meinen, dass das EM-Eröffnungsspiel zum Endspiel von einigen Beziehungen wird.


•Streit ums TV-Programm.
Das Klischee: Er will Fußball sehen; sie einen Spielfilm. Laut Studie dürfte dieses Klischee durchaus real sein. 55 Prozent der Österreicher stellen sich darauf ein, dass es Auseinandersetzungen wegen des TV-Programms gibt – also Streit um die Fernbedienung. Der Rest dürfte einen zweiten Fernseher besitzen.


•Der Spielplan bestimmt das Leben. Dass die Fußball-Euphorie trotz aller Unkenrufe in Gang kommt, zeigt die wissenschaftliche Umfrage. 37 Prozent der Österreicher werden ihren Tagesablauf (Schlafen, Frühstücken, Arbeit, Besuche) nach dem Spielplan der Fußball-EM ausrichten. „Das ist eine erhebliche Zahl“, so Ebster: „Die EM-Begeisterung ist da.“ Fans, die ihrer Arbeit nicht auf den EM-Spielplan abstimmen können, nehmen sich ganz einfach Urlaub (11 Prozent). Und: Ein Viertel will die Euro-Fanmeilen besuchen. Das entspricht in der Bundeshauptstadt 400.000 Wienern.


•45, weiblich, Euro-Gegnerin. Es gibt sie trotzdem – die Österreicher, die mit Fußball nichts anfangen können und gegen die Euro 2008 sind. 37 Prozent der Befragten werden die Fußball-EM meiden wo es nur geht. Ebster: „Der typische Euro-Gegner ist weiblich, über 45 und hat eine Pflichtschulbildung.“


•Euro-Skeptiker als Hoffnungsmarkt. Die hohe Zahl der EM-Verweigerer ist für Ebster keine Katastrophe, sondern eine Chance: „Es ist wichtig, für diese Gruppe Angebote zu schaffen. Das ist eine Marktnische.“ Weil: „Denen geht die Euro auf die Nerven.“ Gefordert sei die Tourismus- bzw. Reisebranche. Sie könnte die (gewinnbringende) Flucht vor der Euro organisieren.

Was bleibt? „Die Begeisterung ist inzwischen recht hoch geworden; es gibt einige Befürchtungen; große Tragödien sind nicht zu erwarten – die Euro 2008 wird ein soziales Event“, fasst Ebster zusammen.

Fußball als soziales Event? „Nur 39 Prozent der Österreicher sind deklarierte Fußball-Fans“, erklärt der Wissenschaftler. Spiele im TV ansehen (gemeinsam mit Freunden) wollen aber 72 Prozent der Befragten – selbst wenn sie mit Fußball eigentlich wenig anfangen können. Ebster trocken: „Offensichtlich muss man von Fußball nicht viel verstehen, um daran teilzunehmen.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.02.2008)