Sie hat, was noch kein Rom vollbracht/Die Erde sich zum Knecht gemacht./Und Herrin ist sie noch,/So hoch ein Pass durch Gletscher führt,/So tief nach Erz ein Bergmann spürt./Die Arbeit hoch!/ Die Arbeit hoch!“
Ja, lieber Kollege, gewiss, verehrte Leserin, ich weiß, es ist noch nicht der Erste Mai, aber ich summe sie doch vor mich hin, die schöne Hymne der österreichischen Sozialdemokratie, ich krieg' sie nicht aus dem Kopf in diesen Tagen, ich brauche sie, als Gegengift, und wenn sie mir dann doch fad wird, dann weiß ich mir anderes, trällere vielleicht Hank Ballards (leider etwas schlüpfriges) „Work With Me, Annie“ oder sogar Ostbahn-Kurtis kongeniale Übersetzung von Bruce Springsteens „Factory“,...
...oder ich skandiere „Die Roboter“ von Kraftwerk, auch weil ich glaube, dass das altslawische „rabota“ (Sklaverei, Knechtschaft) die gleiche indoeuropäische Wurzel hat wie das germanische „arbai?iz“ (mühseliger Dienst), oder ich lalle gar „Salt of the Earth“ von den Rolling Stones, mit besonderer Betonung der Zeile „Let's drink to the hard-working people“, ich mache jedenfalls keine Pausen, bestenfalls Beistriche, denn...
...natürlich weiß ich, dass es zu den Sterbezeremonien einer österreichischen Großen Koalition zählt, dass die Großkoalitionäre einander unablässig zur Arbeit auffordern, nie das „ora“ zum „labora“ fügen, dabei, wie unlängst ein VP-Landesvater im Fernsehen, sogar vor dem eintönigen Trikolon „Arbeit, Arbeit und nochmals Arbeit“ nicht zurückschrecken, und das mehrmals, geradezu atemlos, als triebe sie eine milde Form der Tourette-Krankheit, ich weiß es, aber es geht mir schon auf die Nerven,...
...so sehr auf die Nerven, dass meine charakteristische Arbeitswut erlahmt und ich den Laden heute demonstrativ früher schließe, indem ich statt 96 Zeilen nur 61 schreibe. Inklusive einer weiteren Lieblingsstrophe aus dem Lied der Arbeit:
„Und als der Denker Geist schon nah/Die Geistesfreiheit dämmern sah,/Welch Genius sandte doch/ Der Menschheit das gedruckte Wort? /Die Arbeit war's, der Bildung Hort. /Die Arbeit hoch!/Die Arbeit hoch!“
thomas.kramar@diepresse.com("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.02.2008)