MuMoK Wien: Mathematik in der Kunst. Wie interessant ist ein Würfel? Ist das Bild eines Quadrats ein Quadrat? Ist Geometrie wirklich schön? Und warum nicht? Die Ausstellung "Genau und anders" stellt tiefe Fragen.
Gebeugten Hauptes, in Kutten laufen die Figuren in Samuel Becketts Fernsehstück „Quadrat“ durch ein auf den Boden gezeichnetes Quadrat, bald längs, bald diagonal, offensichtlich getrieben von Zwängen, Algorithmen, Regieanweisungen. Über die Ränder kommen sie nie, es ist, als würden sie an diesen Schranken abprallen: Sie sind beschränkt.
Ein typisches Setting des späten Beckett, der den Personen seiner Spiele konsequent die Freiheit raubte, sie zu Figuren machte, im engeren Wortsinn.
Schon damit eignet sich Becketts „Quadrat“ – derzeit im Mumok in der Ausstellung „Genau und anders“ zu sehen – als Nussschale, in die man einen Sinn der Ausstellung packen kann. Denn in dieser geht es erstens, wenn es nicht um Zahlen geht, um Figuren. Zweitens geht es um Beschränkung: Kunst, die sich der Mathematik nähert, beschränkt sich, unterwirft sich Regeln, beschneidet, kasteit sich. Womit sie drittens etwas Mönchisches hat, wie die durch ihr Quadrat getriebenen Beckett-Figuren.
Die Unschuld der Geometrie
„The geometry of innocence flesh on the bone/Causes Galileo's math book to get thrown“, heißt es in Bob Dylans „Tombstone Blues“. Hier irrte der Meister: Die Geometrie der Unschuld respektive die unschuldige Geometrie zeichnet sich genau dadurch aus, dass sie kein Fleisch an den Knochen hat. In diesem Sinn ist die Mathematik die Wissenschaft von den nacktesten Knochen: Sie abstrahiert von allem, was Fleisch, was Materie, was Anschauung ist; übrig bleibt die Form der Anschauung. (Diese Entmaterialisierung wird in einer Installation von Carl Andre effektvoll konterkariert: 20 Blöcke aus rohem Zedernholz, aufgelegt in einem Winkel von 20 Grad zur Wand.)
„Die interessanteste Eigenschaft des Kubus ist, dass er relativ uninteressant ist“, schrieb Sol Le Witt, der Mann, der das Wort „Konzeptkunst“ erfunden hat. Anders gesagt: Ein Würfel ist nicht mehr als ein Würfel, er enthält nichts, er ist farb-, geruch- und geschmacklos. Das Blöde mit ihm ist nur, dass ein Bild eines Würfels kein Würfel ist. Da ist ihm das Quadrat überlegen: Ein Bild eines Quadrats ist ein Quadrat, oder?
Jedenfalls kann man es sich über die Couch hängen, und wenn es z.B. von Richard Paul Lohse ist, à la Sudoku in bunte Subquadrate unterteilt ist und den hübschen Titel „Ordnung aus Gleichung und Kontrast“ trägt, dann wirkt das gar nicht schlecht. Wahrscheinlich lebt man besser unter einem Quadrat als in einem Quadrat.
Dass das Leben an sich nicht wirklich quadratisch ist, illustriert etwa Herbert Bayers „Blau 1926“, wo Quadrate und Kreise im Blau schwimmen, aber auch wildere Formen, die wie Amöben anmuten. Man weiß sofort, was lebt und was nicht, suggeriert dieses naiv-anmutige Bild.
Objektiv ist nicht schön
Wieso eigentlich? Weil das Leben ein Kompromiss ist zwischen Formlosigkeit und strenger Form, zwischen völliger Regelmäßigkeit und völliger Unregelmäßigkeit. Ganz regelmäßige Formen könnten zu wenig Information speichern. Das spüren wir, und das macht einfache geometrische Formen so leblos.
Ob sie denn schön sind, ist eine alte Frage der Ästhetik. „Die mathematische Form ist so schön, weil sie so objektiv ist“, dieser Satz von Ruth Vollmer steht an der Wand im Museumsquartier, er klingt cool, aber man weiß genau, dass er bestenfalls halbwahr ist. Ähnlich wie die bei Fans der theoretischen Physik beliebte Behauptung, dass das innerste Wesen der Schönheit die Symmetrie sei. Das ist eine Schönheit der Knochen, eine fleischlose Schönheit, wie sie Plato forderte. In diesem Sinn sind geometrische Skizzen sozusagen die ultimative platonische Kunst.
„Alles in der Natur modelliert sich wie Kugel, Kegel und Zylinder“, behauptete Paul Cézanne, und das ist – natürlich – nicht einmal halbwahr, aber dieser tiefe, faszinierende Irrtum steckt wohl dahinter, dass Bilder der Kubisten, die sich auf diesen Satz beriefen, dem Betrachter oft ein unwillkürliches Grinsen entlocken, als hätten sie etwas von Karikaturen an sich. Ebenfalls wie Karikaturen – im besten Sinn – wirken die Kunstwerke, die das Zwanghafte, das Besessene an der Suche nach Ordnung, nach Regelmäßigkeit, nach Systematik exerzieren. Hanne Darbovens „Ein Jahrhundert (Bücherei)“ etwa, dieses umwerfende Werk der Katalogisierung, oder, noch unheimlicher, das lebenslängliche, in die Ewigkeit weisende Werk des Roman Opalka, der seit 1965 die natürlichen Zahlen in weißer Farbe auf braunem Grund schreibt, wobei die Zahlen mit der Farbe immer blasser werden. Eine meditativere Arbeit ist kaum vorstellbar.
Die Ordnung der Preise
Nicht natürliche Zahlen, sondern Dezimalzahlen, und zwar solche mit zwei Stellen nach dem Komma, ordnet Wolfgang Plöcker: Für „Timecode“ (2007) sammelte er alle in einer Woche im Briefkasten einlangenden Supermarktpreise und projiziert sie rhythmisch nach steigendem Betrag: Auch so kann man sich die Welt strukturieren.
Insgesamt hinterlässt die gut zusammengestellte Schau den Eindruck, dass die Kunst meist nur sehr beschränkte Gebiete der Mathematik berührt – am häufigsten einfache Geometrie. (Wenn Künstler von nicht-euklidischer Geometrie sprechen, meinen sie oft nur gekrümmte Flächen und nicht gekrümmte Räume.) Naturgemäß, möchte man sagen: Diese Beschäftigung hat ganz praktische Wurzeln in den Problemen der Perspektive, der Projektion dreidimensionaler Gebilde auf zweidimensionale Flächen. Aus diesen quasi handwerklichen Fragen – in der Ausstellung symbolisiert durch eine Darstellung von Dürers „Ellipsenzirkel“ – sind Fragen gewachsen, die weit über das Handwerk hinausgehen, die bis zum Wesen der Schönheit gehen.
Man verlässt die strengstens euklidischen Räume des Mumok grübelnd – am besten via Fahrstuhl, in dem man eine der reizvollsten Installationen des Alltags mit aufgefrischter Deutungslust betrachten kann: die roten Punkte, die die Zahlen bilden, die für die Stockwerke stehen. Sie weisen einen durch den Quader namens Mumok.
ZUR AUSSTELLUNG
„Genau und anders“, kuratiert von Wolfgang Drechsler, zeigt über 300 Werke, das älteste ist Dürers „Melencolica I“ (1514, mit magischem Quadrat und Stechzirkel). Bis 18.Mai, Themenführungen (u.a. mit Rudolf Taschner) jeden Samstag um 14Uhr. Info: www.mumok.at
("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.02.2008)