Energiepolitik ist Machtpolitik, und Gazprom ist das wirksamste Instrument des Kreml. Aber ist der Gas-Gigant auch allmächtig?
Für die europäische Energieversorgung ist Russland, das über die größten Erdgas- und achtgrößten Erdölreserven der Welt verfügt, nicht mehr wegzudenken. Nun streben die russischen Öl- und Gaskonzerne, in denen allzu oft der Staat das Sagen hat, auch noch auf die Märkte Asiens und Amerikas. Russland wird damit zu einer globalen Tankstelle. Der Machtzuwachs sorgt für neues Selbstbewusstsein. Primus inter pares ist dabei Erdgasmonopolist Gazprom.
Roman Samsonow setzt eine 3D-Brille auf und lehnt sich im holzgetäfelten Kinosaal zurück. Er schaut sich die Zukunft von Gazprom an. Sein Augenpaar folgt auf der Großleinwand dem virtuellen Weg von Bohrstangen, die 2000 Meter unter dem Meeresboden auf eine Schicht treffen, in deren Poren Erdgas sitzt.
3,8 Billionen Kubikmeter Erdgasreserven
Die Männer um Samsonow haben jahrelang seismologische Messungen vorgenommen, bis sie das Shtokman-Feld in der dritten Dimension sichtbar machen konnten. Gazprom dankte es ihnen mit einer Prämie.
Shtokman: Das sind 3,8 Bio. Kubikmeter Erdgasreserven im Eismeer. Anders ausgedrückt: Österreich könnte aus diesem Feld, das die „Gazowiki“ als „Supergiganten“ bezeichnen, mehr als 400 Jahre lang decken. Samsonow, 46, leitet das Forschungszentrum Vniigaz des weltgrößten Erdgasmonopolisten. Vniigaz ist eine Siedlung am Stadtrand von Moskau: ein abgeschirmter Campus mit Professoren und Doktoren, mit Gazprom-Kindergarten, Gazprom-Schule und Gazprom-Universität, eigenem Gasanschluss und eigener Band: Jazzprom.
„Wir werden aus dem Feld Europa und Nordamerika über Jahrzehnte beliefern – Europa über die Ostseepipeline, Amerika mit Tankschiffen, die verflüssigtes Erdgas geladen haben“, schwärmt Samsonow. Das sieht auch Samsonows Vorgesetzter Alexei Miller, Vorstandsvorsitzender von Gazprom, so, der seinen Konzern vom bloßen Erdgaslieferanten zu einem globalen Energiekonzern umbauen will.
„Wir sind kein Erdgasmonster“
Vergangene Woche bat er Christophe de Margerie, CEO von Total, und Helge Lund, Präsident von StatoilHydro, zu sich in den Gazprom-Tower. Die drei mächtigen Energiemanager unterzeichneten ein Abkommen über die Gründung der Shtokman Development AG. Zwischen 20 und 30 Milliarden Dollar an Investitionen dürfte die Erschließung des Feldes kosten. Natürlich hält Gazprom die Mehrheit, Franzosen und Norweger sind Juniorpartner. „Think bigger“, lautet das Konzernmotto. Und: „Was gut ist für Gazprom, ist gut für die Welt.“ Dass das nicht alle so sehen, sorgt bei dem staatlich kontrollierten Unternehmen mit seinen 432.000 Mitarbeitern für Unmut. „Was soll das Gerede vom Erdgasmonster?“, sagt Gazprom-Vize-Vorstandsvorsitzender Alexander Medwedew.
Auf politische Rückendeckung kann sich Gazprom verlassen. Der Konzern gehört zum Machtgefüge des Kreml. Die Grenzen verlaufen fließend. So wechselt nun Gazprom-Aufsichtsratschef Dmitrij Medwedjew nach den Wahlen am 2. März auf den Kremlthron.
Gazprom macht mit seiner aggressiven Expansionspolitik und seiner Sprache der Ultimaten Angst. Zuletzt stellten die „Gazowiki“ dem Nachbarstaat Ukraine ein Ultimatum für die Begleichung von Erdgasschulden. Anderenfalls werde der Hahn zugedreht.
Seinem Ziel, eine Wertschöpfungskette vom Bohrloch in Sibirien bis zum Gasherd in Europa zu knüpfen, ist Gazprom in den vergangenen Jahren näher gekommen. In Deutschland halten die Russen inzwischen am Erdgashandelshaus Wingas 50 Prozent minus eine Aktie. In Großbritannien beliefert der Konzern bereits direkt Fußballstadien und Pizzerias. In Italien erhält er Kraftwerke. Auch Österreich bietet durch die Zusammenarbeit mit der OMV einen Marktzugang.
EU bleibt Premiumkunde
Energiepolitik ist Machtpolitik. Und Gazprom das wirksamste Instrument des Kreml. Aber allmächtig? In der Debatte um die Energiesicherheit wird oftmals übersehen, dass Europa nicht weniger von Gazprom abhängig ist als umgekehrt. Gazprom verdient seine Milliarden – 2006 lag der Reingewinn bei 18,3 Mrd. Euro – vor allem im Geschäft mit den EU-Staaten.
Dass die EU bis auf weiteres Premiumkunde von Gazprom bleibt, macht auch die Politik von Gazprom beim Bau von Pipelines deutlich. „Nord Stream“ und „South Stream“ heißen die neuen Routen nach Europa. „South Stream“ ist eine markige Antwort auf das Nabucco-Projekt der EU. Durch die Nabucco-Pipeline soll Erdgas aus Zentralasien vorbei an Russland fließen. Noch fehlen die großen Lieferanten. Gazprom hat sich clever auf dem Erdgasmarkt positioniert. In Zentralasien kauft der Konzern nicht nur Erdgas ein, sondern sucht Partnerschaften. In Iran will er demnächst eine eigene Förderung aufnehmen. Auch mit Algerien ist man im Gespräch. Im Kreml träumt man von einer Erdgas-Opec, einem Kartell der Lieferstaaten.
Der globale Erdgasbedarf steigt kontinuierlich. Für Gazprom, das über 17 Prozent der weltweiten Reserven verfügt, bietet sich da die Chance, an Macht zuzulegen. Die Marktkapitalisierung des Konzerns liegt zurzeit bei rund 300 Mrd. Dollar. Der Kreml sieht einen Börsenwert von einer Billion Dollar als realistisch an. Damit wäre Gazprom der wertvollste Energiekonzern der Welt.
Ineffiziente Kostenkontrolle
Der Weg an die Spitze ist jedoch steinig. Im vergangenen Jahr produzierte Gazprom 549,6 Mrd. Kubikmeter (2006: 556 Mrd. Kubikmeter). Die Fördermenge stagniert seit Jahren. Es öffnet sich eine Versorgungslücke, sollte Gazprom nicht noch mehr „Shtokmans“ erschließen.
Weitere Probleme, die Gazprom zu schaffen machen: Die Kostenkontrolle ist ineffizient. In Hochpreis-Zeiten lässt sich das kompensieren. Sollten jedoch die Gaspreise fallen, würde es ernst werden. Außerdem ist der Konzern dabei, sich zu verzetteln. Gazprom fördert Gas, Öl, produziert Strom, bald auch noch Kohle, will in Atomkraft investieren, unterhält 150.000 Kilometer Erdgasleitungen, verfügt über eigene Skilifte im Olympia-Ort Krasnaja Poljana, hat Russlands größtes Medienimperium und dazu auch noch eine Bank.
In all dem Gewirr an Firmen in und um den Konzern fällt es dann auch einem Erdgasprofi wie Roman Samsonow schwer, trotz 3D-Brille den Überblick zu behalten. ?
("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.02.2008)