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USA: Ein Prozent der Amerikaner hinter Gittern

(c) Die Presse (Clemens Fabry)
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2,3 Millionen US-Bürger – ein Prozent der erwachsenen Bevölkerung – sitzen im Gefängnis, oft wegen kleiner Vergehen. Viele Staaten geben mehr Geld für Gefängnisse als für Universitäten aus.

Washington. Nirgendwo auf der Welt sind die Chancen so groß, im Gefängnis zu landen, wie in den USA. Laut einer aktuellen Studie des „Pew Center on the States“ in Washington sind ein Prozent der erwachsenen US-Bevölkerung hinter Gittern – mehr als in allen anderen Staaten der Welt.

2.319.258 Menschen, die älter als 18 Jahre sind, sitzen mit Stand Anfang 2008 in US-Gefängnissen. Im weitaus bevölkerungsreicheren China, das laut der Statistik bei der Zahl der Häftlinge weltweit an zweiter Stelle liegt, sind es 1,5 Millionen Menschen. Russland, abgeschlagener Dritter, hat eine Häftlingszahl von 890.000.

Der Grund für die hohen US-Zahlen liegt zum einen in der strengen Gesetzgebung. Für viele Vergehen sind in den USA verpflichtende Haftstrafen vorgeschrieben. Viele Delikte sehen längere Mindeststrafen als in anderen Staaten vor. Strafen auf Bewährung sind im internationalen Vergleich selten. Außerdem schrecken Politiker und Ausschüsse davor zurück, Häftlinge zu begnadigen – aus Sorge, dass einer rückfällig wird und sie für seine Taten verantwortlich gemacht werden.

All das trägt zu einem Überquellen der Gefängnisse bei. Besonders dramatisch ist die Situation im Bundesstaat Kalifornien, wo Turnhallen in Gefängnisse umfunktioniert werden. Gouverneur Arnold Schwarzenegger hat fast acht Milliarden Dollar budgetiert, um neue Haftanstalten für 53.000 Menschen zu bauen.

Kalifornien wendet von allen 50 Bundesstaaten der USA auch das meiste Geld für den Strafvollzug auf: 8,8 Milliarden Dollar allein im Jahr 2007. US-weit kosteten die 2,3 Millionen Häftlinge fast 50 Milliarden Dollar. Mehrere Bundesstaaten – darunter Vermont und Michigan – geben mittlerweile mehr Geld für Gefängnisinsassen aus als für Universitäten.

„Das Ziel, mit aller Härte gegen Kriminelle vorzugehen, bedeutet, mit aller Härte gegen die Steuerzahler“, meinte der Leiter der Untersuchung, Adam Gelb. Das kritisierte auch der Gouverneur von Kentucky, Steve Beshear. Obwohl die Kriminalitätsrate in seinem Bundesstaat in den vergangenen 30 Jahren um nur drei Prozent gestiegen sei, habe sich die Zahl der Gefängnisinsassen versechsfacht.

Die hohen Aufwendungen bedeuten freilich nicht, dass die Häftlinge auch gut betreut sind: Die Gesundheitsversorgung sei nicht zufrieden stellend, schwerkranke Insassen bekämen keine ärztliche Betreuung; die Verpflegung sei mangelhaft, Vergewaltigungen an der Tagesordnung.

Der Report listet auch die Verteilung der Insassen auf die verschiedenen Bevölkerungsschichten auf. Demnach ist einer von 106 weißen männlichen US-Erwachsenen im Gefängnis. Bei Lateinamerikanern liegt diese Rate bei 1:36, unter der männlichen afroamerikanischen Bevölkerung bei 1:15. Bei der weiblichen Bevölkerung liegen die Zahlen bei 1:859 bei weißen Frauen, die älter als 18 Jahre sind; bei lateinamerikanischen Frauen bei 1:436 und bei afroamerikanischen bei 1:203.


Weniger Gewaltverbrechen

Umstritten ist, ob das harte Vorgehen gegen Kriminelle die USA auch sicherer gemacht hat. Während eine Mitarbeiterin des Pew-Centers meinte, man bekomme nicht die Sicherheit, die man sich von solche Zahlen erwarte, erklärte ein Jurist der Universität von Utah die sinkenden Verbrechenszahlen in den Vereinigte Staaten vor allem mit den strengen Haftstrafen.

Laut FBI-Statistik sank die Zahl der Gewaltverbrechen in den USA in den vergangenen 20 Jahren um 25 Prozent: Von 612 pro 100.000 Einwohner im Jahr 1987 auf 464 im Jahr 2007.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.03.2008)