Die fetten und die mageren Jahre

Al-Haider, Al-Buchinger und Al-Molterer würden in die hinterste nubische Gasse passen.

Alles gratis!“, schreien Händler in der oberägyptischen Stadt Esna, die schon bessere Zeiten gesehen zu haben scheint. Eine Regel gibt es in diesen Märkten am Nilufer: Je dunkler die Gassen im Souk, desto dringender werden die unseriösen Angebote. Das wird mir erst im Nachhinein klar, beim Auschecken des mit Plunder beschwerten Koffers.

Für eine Woche war der politische Basar in Wien sehr fern, doch schon vor der Landung in Schwechat, nach der Lektüre der heimischen Blätter, denke ich: Al-Haider, der in den bedürftigsten Kärntner Märkten Gratis-wir-haben-unseren-Jörg-so-lieb-Hunderter verteilt, Al-Buchinger, der flächendeckend den Inflationsausgleichs-Gratis-Hunderter verteilen will, und Al-Molterer, der landesweit Gebührenbefreiungs-Gratis-Hunderter verteilen wollte, ließe man ihn, würden in die hinterste nubische Gasse passen, vor deren Besuch uns die Reiseführerin gewarnt hat. Dort seien Straßenräuber zuhause.

Nichts ist gratis, nicht einmal unter den umsichtigsten aller Pharaonen. Die werden vor allem wegen ihrer Bauwerke gerühmt. Am meisten Eindruck aber machte auf mich ein unscheinbarer Brunnen. Auf der Insel Elephantine bei Assuan – für die ganz alten Ägypter bedeutete die Gegend das Ende der Welt – kann man das älteste erhaltene Nilometer betrachten. Dort, wo der große Strom lustig über den ersten Katarakt hüpfte, hat man ein Messgerät für den Wasserstand geschaffen, nach dem im ganzen Land die Steuern berechnet wurden: Zwölf Ellen bedeuteten Hunger, dreizehn Genügen, vierzehn Freude, fünfzehn Sicherheit und sechzehn Überfluss. Noch mehr Nilflation aber war so katastrophal wie die ärgste Dürre; sie schwemmte alles weg.

Steuern gab es nur beim Mittelwert. Der versprach fette Jahre. Der Pharao und sein Wesir holten sich in der Hochkonjunktur die Mittel, die aufgespart wurden für die mageren Jahre. Die Regeln waren für beide Seiten streng. Steuerbetrüger wurden zumindest ausgepeitscht, aber auch schlechte Herrscher hielten sich nicht lang. Ägypten war nämlich ein ordentliches Land. Wie aber funktioniert heute in Österreich, dieser Steueroase für reiche Stifter, diesem Erholungsheim für junge Rentner und alte Studenten, das Moltometer? Nun, seit 20 Jahren schöpfen die Wesire die Mittel von uns ab, als gebe es immerwährend die fettesten Jahre. Und wie sehen die Kornspeicher des jungen Pharao Al-Fred aus? Sie wurden geplündert, als herrschte seit Generationen die schlimmste Dürre.

Die lange Geschichte Ägyptens zeigt; die Herrscher und ihr Beamtenheer mögen mit prächtigen Fassaden und opulenten Festen und glänzenden Ämtern für 100.000 Freunde vorspiegeln, das Land stehe in einer Blütezeit. Doch meist befindet man sich da schon mitten in einer der berüchtigten Zwischenperioden. Da hilft dann kein Nilometer mehr.


norbert.mayer@diepresse.com("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.03.2008)

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