Skibergsteigen. Aus dem bloßen Naturerlebnis wurde ein Wettkampfsport: Die Elite der Skitourengeher misst sich jedes Wochenende in anspruchsvollstem Gelände.
WIEN. Mehr als 500.000 Menschen tun es in Österreich, weltweit gar sechs Millionen. Die meisten von ihnen ruhig, beschaulich, beinahe unbemerkt. Nur einmal kurz vor Weihnachten kamen die Skitourengeher ins Gerede: Als Österreichs Skiliftbetreiber sie von ihren Parkplätzen vertreiben und diese nur zahlenden Gästen zur Verfügung stellen wollten.
Tatsächlich geht es in der Szene rund. Das bloße Naturerlebnis ist vielen zu wenig, sie suchen den direkten Vergleich im Wettbewerb: Seit vergangenen Dezember verging kein Wochenende, an dem nicht irgendwo in Österreich – aber nicht nur hier – ein Skitouren-Rennen angesetzt war. Die besten Bewerbe sind neuerdings im Austria-Skitour-Cup zusammengefasst. Und der Andrang zu den Veranstaltungen ist enorm: 750 Sportler wollten vor gut zwei Wochen bei dem als Staatsmeisterschaften geführten „Rofan Xtreme“ hoch über dem Achensee dabei sein, aber nur 150 konnten zugelassen werden. Lydia Prugger aus der Ramsau hatte bei den Damen gewonnen, Alexander Lugger aus dem Lesachtal bei den Herren die Nase vorne gehabt, vor Andreas Ringhofer aus Haus im Ennstal. Die drei geben seit Jahren sportlich den Ton an und stehen im Kader der 15-köpfigen Nationalmannschaft, die sich zu Beginn dieses Winters konstituiert hat.
Lawinenausrüstung ist Pflicht
Was den 37-jährigen Alpinpolizisten Ringhofer fasziniert, ist die Kombination aus den kräfteraubenden Aufstiegen mit oder ohne Skiern an den Beinen über Schnee und Fels, den anspruchsvollen Abfahrten und den technisch schwierigen Wechselzonen, in denen die Felle oder die Skier an- oder abgeschnallt werden müssen. „Das alles erfordert viel Routine und alpine Erfahrung“, sagt Ringhofer, der zwölf Jahre lang Mitglied der ÖSV-Langlauf-Mannschaft, bei der Nordischen Ski-WM 1991 mit der 4x10km-Staffel mit Stadlober, Schwarz und Marent Sechster und bei Olympia 1992 in Albertville 18. in der Verfolgung gewesen war.
Die Routen, die regelmäßig durch anspruchsvolles freies Alpingelände führen, mit Markierungen nur grob vorgegeben sind und zumeist mehrere Aufstiege und Abfahrten vorsehen, werden von der Lawinenkommission freigegeben. Aber, sagt Ringhofer, „Helm, Schaufel, Sonde und Verschüttetensuchgerät sind Pflicht.“
Doch laufen die Wettkämpfe im Gelände, die in der Regel rund drei Stunden dauern, nicht der Idee zuwider, sich genau deshalb in diesen Regionen zu bewegen, um die Natur genießen zu können. „So wie wir Skibergsteigen betreiben, ist es ein Wettkampf, das muss man schon klar sehen“, sagt Ringhofer. „Für mich“, fügt er an, „ist es immer ein Genuss, wenn ich da oben bin: Egal ob beim Wettkampf, beim Training oder auf Patrouille im Dienst.“
Zweimal an Bronze vorbei
Was Ringhofer wie Karl Posch, dem Austria-Skitour-Cup-Promoter, am Herzen liegt, ist, ihrer Sache Publizität und Verankerung in der österreichischen Sportlandschaft zu geben. „Derzeit warten wir auf die Anerkennung durch die Bundessportorganisation BSO“, sagt Posch. Österreich sei mit seinem nationalen Verband „Askimo“ eines von 36 Mitgliedern im Weltverband UIAA, die neu gegründete Nationalmannschaft rangierte bei den bisherigen Weltcup-Events im Mittelfeld.
Bei der WM vergangene Woche in der Region Chablais in der Westschweiz, bei der vergangene Woche 450 Skitouren-Sportler aus 29 Nationen am Start waren, lief es noch besser. Österreichs neunköpfige Delegation erreichte immerhin neun Top-Ten-Plätze, darunter sogar zwei vierte Ränge durch Andras Ringhofer und Lydia Prugger.
Erst WM, dann Olympia
Sind Österreichs Skibergsteiger erst einmal von der BSO anerkannt, wollen auch sie sich um eine WM bewerben. 2012 will Posch das Großereignis ins Dachsteingebiet holen. Das große Ziel aber ist, die Sportart bis 2018 olympisch zu machen. 1924, 1932 und 1936 waren alpinistische Meisterleistungen schon mit dem „Prix Olympique d'Alpinisme“ ausgezeichnet worden, erinnert Posch an eine Tradition, an die die Szene anschließen will. Der Bergsport könnte in den kommenden zehn Jahren damit gleich zweimal in den olympischen Fokus rücken. Denn auch die Wettkletterer spekulieren damit, ab 2016 Eingang in den olympischen Kanon zu finden. Sie präsentierten schon 2006 bei den Winterspielen in Turin Klettern als Schaubewerb.
Gleichlaufend mit den Entwicklungen an der sportlichen Spitze entwickelt sich auch die Breite – wovon auch der Handel profitiert. „Heuer werden rund 25.000 Paare verkauft werden. Eine starke Steigerung – auf allerdings niedrigem Niveau“, nennt das Ernst Aichinger, Bundesgremialobmann des Sportartikelhandels in der Wirtschaftskammer.
Im Vergleich dazu wurden zuletzt rund 320.000 Paar Skier und etwa 100.00 Snowboards verkauft. Und Christian H. Mann, Sprecher von Intersport Austria, bestätigt den Trend und sieht ein Wachstum von gut 20 Prozent im Handel mit Tourenskiern und Zubehör.
AUF EINEN BLICK
500.000 Skitourengeher gibt es in Österreich. Doch nicht nur das Freizeit-Segment beim Skibergsteigen boomt, auch die Wettkampfszene: Bei der WM holte Österreich neun Top-10-Plätze.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.03.2008)