Der Fahrer hat mich nicht gesehen? Hat er wohl!
Ich nehme an, Sie kennen das. Ich nehme an, das ist nicht nur mir passiert: Da legt man einen Sprint ein, um die Straßenbahn zu erwischen, drei Einkaufssackerln überm Arm, zwei Kinder im Schlepptau, die Sackerln baumeln, die Kinder hängen sich an, und wenn man glaubt, man hat es geschafft, man steht vor der Falttür, hat schon den Knopf gedrückt, sogar zweimal, das erste Mal voller Hoffnung, das zweitemal mit leisem Zweifel. Dann setzt sich die blöde Straßenbahn in Bewegung und man sitzt nicht drin! Man bleibt zurück, erntet halb schadenfrohe, halb mitleidige Blicke.
„Das ist halt Pech“, sagt jetzt das naive Geschöpf. „Das ist Sadismus“, sage ich. „Vielleicht hat er dich nicht gesehen“, sagt das naive Geschöpf. „Eine Mutter mit drei Einkaufssackerln und zwei Kindern, die an die Fahrertür pumpert, ist nicht so leicht zu übersehen“, sage ich. „Dann“, meint das naive Geschöpf, „hat er vermutlich einfach fahren müssen. Wenn er immer wartet, kommt er ja nie weiter! Das wäre doch auch nicht in deinem Interesse!“
Aber in Wirklichkeit ist der Chauffeur nur dreißig Meter weit gefahren – so weit, dass er gerade aus der Station war. Dort hat er dann warten müssen. Er hatte nämlich rot!
Nein, ich behaupte nicht, dass alle Straßenbahnchauffeure so sind. Aber an diese Straßenbahnchauffeure habe ich gedacht, als ich hier las, die Wiener Linien hätten zum Lokalaugenschein gebeten und Journalisten vorgeführt, dass es praktisch unmöglich sei, sich in den Türen der Straßenbahn einzuklemmen. Wobei aber genau das passiert ist, dass jemand eingeklemmt und mitgeschleift wurde, sogar mehrmals. Wie gesagt: Eigentlich kann das gar nicht passieren. Deshalb braucht so eine Straßenbahn keinen Rückspiegel.
In einem der Nachfolge-Bände zu „Per Anhalter durch die Galaxis“ meint Douglas Adams sinngemäß: Der Unterschied zwischen dem, was kaputt gehen kann, und dem, was garantiert nie kaputt gehen wird, ist der, dass das, was garantiert nie kaputt gehen wird, im Fall, dass es doch kaputt geht, auch nicht mehr repariert werden kann.
Das hier ist so ähnlich.
bettina.eibel-steiner@diepresse.com("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.03.2008)