Bau von Minaretten: Muslime gehen auf Distanz

(c) Die Presse (Clemens Fabry)
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Gebetstürme sind im Islam „nicht zwingend notwendig“, sagt die Sprecherin der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich.

KREMS. „Ein Minarett ist für Muslime nicht zwingend notwendig.“ Carla-Amina Baghajati, Sprecherin der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich, spricht aus, was im Zug der Debatte um die Errichtung muslimischer Gebetstürme in Österreich kaum zu hören war: „So wie der Gebetsruf kein zwingender Bestandteil ist, dass das Gebet gültig ist, so ist auch ein Minarett nicht notwendig.“

Allerdings, fügt sie hinzu, gehe es um mehr. Um Würde nämlich. Die bleibe bei Diskussionen, in denen Minarette als Herrschaftssymbol des Islam gesehen werden, zunehmend im Hintergrund. Darüber ist sich auch ein Großteil der Diskutanten und Zuhörer einig, die zur Tagung „Islam in Sicht – Zur Auseinandersetzung um muslimische Bauten in Österreich“ an die Donau-Universität Krems gekommen sind.

Projektbetreiber verweigern sich

„Minarette mussten hoch gebaut werden, damit die Menschen zum Gebet gerufen werden können“, erklärt Salem Hassan, Vertreter vom Dachverband der Schiiten. Diese technische Notwendigkeit gebe es in Europa nicht, daher könne man sämtliche Gebetsräume ebenso auch flach bauen. Warum dann überhaupt die Diskussion ob dieser Einigkeit.

Nun, zum einen könnte das daran gelegen haben, dass von ATIB, jener türkischen Organisation, die unter anderem für die zuletzt heftig diskutierten Moscheeprojekte in Telfs, Bad Vöslau und Wien-Brigittenau verantwortlich ist, kein Vertreter zu der Tagung geschickt wurde „trotz vielfältiger Bemühungen“, wie die Veranstalter beteuern. Zum anderen, weil die Frage, ob Minarett oder kein Minarett längst die religiöse Ebene verlassen hat. „Es ist eine bewusste politische Debatte“, sagt Islamwissenschaftler Rüdiger Lohlker.

„Europa schottet sich ab“

Europa werde zunehmend zu einer Gesellschaft, die sich nach außen abschottet. Und in der Architektur ließen sich Störungen der homogenen Kultur besonders dauerhaft abbilden. Jene Störungen der heimischen Kultur werden nun an den verschiedensten Stellen geortet. Dort, wo tatsächlich eine Moschee geplant oder errichtet werden. Und auch dort, wo noch nie die Rede davon war. In Kärnten etwa, wo es nur einen äußerst geringen Anteil an Muslimen gibt und wo auch kein Moscheebau geplant ist.

Rechtliche Mittel, mit denen die Bundesländer Kärnten und Vorarlberg nun gegen die Errichtung muslimischer Gotteshäuser vorgehen, werden allerdings gesetzlich so gestrickt, dass das Motiv dahinter nicht herauszulesen ist. „Die Raumordnung und eine Kommission zum Ortsbildschutz wirken rechtlich nicht spektakulär“, meint Religionsrechtler Wolfgang Wieshaider von der Uni Wien, „und Moschee und Minarett kommen darin nicht explizit vor.“ Doch der politische Wille dahinter sei klar. Nur, so der Jurist, sei es schwierig, die politisch eindeutigen Signale im Text zu finden.

AUF EINEN BLICK

Wissenschaftler und Religionsexperten diskutieren in Krems über Moscheebauten in Österreich. [Foto: Clemens Fabry]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.03.2008)

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