Russische Eier und Pharaoschlangen

Caesar lebte zu früh fürs Kolosseum, ein heutiger Kaiser könnte im Colosseum speisen.

Mit Stolz und Freude nahmen geprüfte Österreicher die Schlagzeile der Zeitung „Österreich“ auf: „Neuer Kreml-Chef ist Österreich-Fan“. Diese Enthüllung hat das Image des Dmitrij Medwedjew, von dem man schon länger weiß, dass er bekennender Deep-Purple-Fan ist, quasi abgerundet.

Man hört ja immer gerne, dass Mächtige einem wohlgesinnt sind. Und es ist ein schöner Gedanke, dass sich die so verstärkte Völkerfreundschaft in den Speisekarten niederschlagen könnte, etwa in einer Revitalisierung der Russischen Eier, die man heute nur noch selten bekommt, in Wien etwa in der Imbissstube „Colosseum“ (Nussdorfer Straße 4), einer zeitlosen Stätte der klassischen Nirosta-Moderne. Die u.a. einen völlig funktionslosen, nicht einmal zugänglichen Balkon enthält, der wohl noch vom Kolosseum-Kino rührt, von dem die Imbissstube einst abgespalten wurde, und das sie jetzt schon sechs Jahre überlebt hat.

Schade, dass sie sich im Gegensatz zum Kino unrömisch mit „c“ schreibt, sage ich; andere sagen schnippisch, „k“ oder „c“, das sei Jacke wie Hose, schließlich sei Caesar anstandslos zum Kaiser geworden. Auch zum Zaren natürlich, aber ist ja egal, an den erinnert kein Gericht mehr, während der Kaiserschmarren, die krachende Kaisersemmel und das fette Kaiserfleisch genauso wie das Kaiserwetter die Monarchie schon 90 Jahre überlebt haben. Auch der Kaiserschnitt heißt noch immer so, obwohl das ähnlich wie „Federpennal“ und „klammheimlich“ („clam“ = heimlich) eine Verdopplung sein dürfte, schließlich kommt Caesar wahrscheinlich von „caesus“, (aus dem Mutterleib) geschnitten.

Über kaiserliche Kontinuität im Vokabular freuen sich auch Republikaner, wohl wissend, dass es heute so wenige Kaiser gibt wie kaum je seit 800n.Chr., nämlich nur einen, den Tenno von Japan. Hochkonjunktur hatte der Titel im „Age of Empire“ (1875 bis 1914), wie es Eric Hobsbawm nennt: Damals wurde den Herrschern von Deutschland, Österreich-Ungarn, Russland, Türkei, Großbritannien (via Indien), China, Japan, Persien, Äthiopien und Marokko dieser Titel zugestanden, „während sich in Brasilien noch bis 1889 ein amerikanischer Kaiser behauptete“, so Hobsbawm: „Vervollständigt wird die Aufzählung durch ein oder zwei weitere Kaiser, deren Titel noch fragwürdiger waren.“

Ein oder zwei Kaiser, das nenne ich historische Großzügigkeit! Pharaonen gab es nie so viele auf einmal, neben dem einen bestenfalls ein paar Lokalkönige mit ausgeprägtem Selbstwertgefühl, aber alle ägyptisch.


Gab es im alten Ägypten Speisen, die „Pharao-“ hießen? Ich weiß keine, wenn jemand welche kennt, soll er es schnell verbreiten, auf jeden Fall wäre es eine nette Geste, wenn der eine oder andere Würstelstand in der Nähe des Kunsthistorischen Museums z.B. ein „Pharaostangerl“ feilhielte, solange die Tutanchamun-Ausstellung läuft.

Nichts zum Essen ist die Pharao-schlange. Unter diesem Namen führen heutige Jahrmarktschemiker die schaumige Asche vor, die beim Verbrennen von Brausetabletten entsteht, früher machte man das viel giftiger mit Quecksilber(II)-thiocyanat. Ein weiteres Beispiel für den historischen Fortschritt; schade, dass Deep Purple nie darüber gesungen haben.


thomas.kramar@diepresse.com("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.03.2008)

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