Versöhnt im Namen von Bruce Lee?

(c) Lonely Planet (Vesna Maric)
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Kann kulturelles Gedächtnis „globalisiert“ werden? Vom Hellenismus bis zum Holocaust: Eine Tagung über Erinnerung am Wiener IFK.

Wir werden immer Muslime, Serben oder Kroaten sein, aber es gibt etwas, das wir alle gemeinsam haben: Bruce Lee.“ So erklärte Veselin Gatalo, Schriftsteller und Sprecher der „Städtischen Bewegung Mostar“, die von ihm initiierte Aktion: Am 26.11.2005 wurde in Mostar, Herzegowina, im einzigen Park der Stadt eine güldene Statue des Kung-Fu-Filmstars Bruce Lee (1940 bis 1973) enthüllt, als „Symbol für Gerechtigkeit und gegen ethnischen Hass“.

Schon am Tag danach wurde das Denkmal erstmals beschädigt, nach 111 Tagen wurde es schließlich demontiert, die letzten Nachrichten über den Verbleib der Statue sind ein Jahr alt, da wurde sie in einer Lagerhalle in Mostar fotografiert (siehe Bild).

Ein Symbol der globalen Popkultur als Gemeinplatz im wörtlichen Sinn, als Kompromiss für heillos zerstrittene Kulturen? Als offizielles Symbol der Aussöhnung gilt freilich kein Eastern-Held, sondern das Wahrzeichen von Mostar, die Alte Brücke, die der Stadt den Namen gegeben hat (Mostar = „Brückenwächter“), 1993 durch kroatischen Beschuss zerstört und 2004 feierlich wiedereröffnet wurde. Grave Bolton und Kerstin Germer werden bei der IFK-Tagung „Memories In An Age Of Globalization“ beide Symbole behandeln und weitere dazu, an die sich lokale, oft religiöse Erinnerungen knüpfen, Kreuze, Minarette...

Der Zentralbegriff der Tagung ist wohl das „kulturelle Gedächtnis“, ein Begriff, den der Ägyptologe Jan Assmann und die Literaturwissenschaftlerin Aleida Assmann geprägt haben, die beide auch teilnehmen.

Berliner „Gedenkstättenlandschaft“

Von Aleida Assmann ist unlängst der Band „Geschichte im Gedächtnis“ erschienen, über Inszenierung der jüngeren Geschichte Deutschlands, illustriert etwa durch den „Kampf um die neue Mitte“ in Berlin (in dieser Mitte, auf dem Alexanderplatz, wurde übrigens 1995 eine Michael-Jackson-Statue aufgestellt), den umstrittenen Wiederaufbau des Stadtschlosses (der ein Stück DDR-Geschichte bewusst löscht) und die Debatte, ob in der Berliner „Gedenkstättenlandschaft“ neben dem Holocaust-Mahnmal eine Dauerausstellung über Vertreibung Platz finden soll.

Bei der Wiener Tagung wird Aleida Assmann den Holocaust als „ethnic and universal trauma“ behandeln. Dass dieses Trauma so bald nicht völlig „globalisiert“ sein kann, wird wohl beim Vortrag von Berthold Molden klar werden: Er spricht über amerikanische Gegner des Vietnamkriegs, die diesen mit dem NS-Genozid verglichen haben, was zu Recht als Skandal empfunden würde, käme es von deutschen Historikern.

Im Umgang von Nationen und Institutionen mit ihren Verbrechen ist in den letzten Jahren die Entschuldigung zur üblichen Form geworden: Der Papst hat sich für die Inquisition, Jacques Chirac für die Dreyfus-Affäre, Bill Clinton für den Sklavenhandel entschuldigt,... Christopher Daase untersucht diese Praxis des Umgangs mit historischer Schuld kritisch, fragt aber auch, ob sie ein Symptom der Entstehung eines „globalen Bewusstseins für eine gemeinsame menschliche Geschichte“ sein könnte.

In ein frühes, wohl das erste Zeitalter der Globalisierung führt Jan Assmann: in die Ära des Hellenismus (ab Alexander dem Großen, 336v.Chr.). Gerade die „globale“ Etablierung der griechisch-orientalischen Mischkultur habe eine Gegentendenz provoziert, meint Assmann: die Betonung, teils Wiederentdeckung lokaler, regionaler Kulturen. So sei die Kodifizierung der Thora in Israel genauso in diesem Zusammenhang zu sehen wie die mesopotamische Geschichte des babylonischen Historikers Berossos oder ein ägyptischer Roman aus dieser Zeit, in dem drei Pharaonen – Sesostris I., Sesostris III., Ramses II. – in einer Figur verschmelzen, die auch Züge Alexanders trägt.

Wiederkehr des verdrängten Echnaton

Jan Assmann spricht von einer „Angst vor dem Vergessen“. Wie steht es da mit der Figur des Ketzerkönigs Echnaton, der laut Assmann „in Ägypten nicht vergessen, sondern verdrängt“ wurde? Ganz freudianisch sieht Assmann eine „Wiederkehr des Verdrängten“, oft entstellt freilich, so in der Erzählung des ägyptischen Priesters Manetho, der die Figuren Echnaton und Moses in einem Aussätzigen-Führer namens Osarsiph verquickt. Diesen Namen, dessen erster Teil von „Osiris“ kommt, hat 2550 Jahre später Thomas Mann in „Joseph und seine Brüder“ für seinen Joseph verwendet: ironischer Endpunkt einer Erinnerungsspur.

TAGUNG: Im Wiener IFK

Öffentlich und gratis, 6. bis 8.März im IFK Wien (Reichsratstraße 17). Es sprechen z.B. Dirk Moses über traumatische Erinnerungen an die Kolonialisierung Australiens, Sebastian Conrad über Japans „Rückkehr nach Asien“, Hanna Schissler über Schulbücher. Programm, Info: www.ifk.ac.at.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.03.2008)

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