Warum Hillary Clinton aufgeben sollte

Die Senatorin hat keine Chance mehr auf die Nominierung, sie bedroht nur die Einheit der Partei.

Ginge es bei Wahlen nur darum, wer die größte politische Erfahrung hat, dann wären in Österreich nicht die Politiker an der Macht, die an der Macht sind, und dann wäre in den USA Hillary Clinton schon längst Präsidentschaftskandidatin der demokratischen Partei.

Kein anderer Kandidat kann auf derart viel Erfahrung verweisen wie Clinton: Einmal hat sie während der Präsidentschaft ihres Ehemanns Bill aktiv in der Politik mitgemischt, bevor ihr die Republikaner mit der Ablehnung ihrer Krankenversicherungspläne alle Initiativen zerstörten. Doch auch als simple First Lady hatte sie noch genug Einfluss auf die Abläufe im Weißen Haus. Ehemann und Präsident Bill Clinton konsultierte sie oft und gerne.

Zudem arbeitet sie seit sieben Jahren als Senatorin und macht unter anderem im männerdominierten Streitkräfteausschuss des Senats Eindruck. Wenn manche versuchen, ihr einen Strick aus ihrem Votum 2002 zu drehen, als sie mit 76 anderen Senatoren dafür stimmte, dem Präsidenten die Befugnis für einen Krieg gegen den Irak zu geben, dann ist das Taktik. In der damaligen Stimmung war die Unterstützung des Krieges für jeden Politiker nur logisch, der höhere Weihen anstrebte. Der unglückselige demokratische Präsidentschaftskandidat John Kerry verteidigte noch im Wahlkampf 2004 seine Ja-Stimme und meinte, selbst wenn er gewusst hätte, dass Saddam Hussein keine Massenvernichtungswaffen hat, hätte er für den Krieg gestimmt. Im Nachhinein ist man natürlich klüger – auch wenn ausgerechnet die sture Unterstützung des Irak-Einsatzes und der Truppenaufstockung dem republikanischen Kandidaten John McCain geholfen hat.

Doch es geht in der Politik und bei Wahlen eben nicht nur um die Erfahrung, sondern zuallererst auch um persönliche Eigenschaften; um das Gefühl, das ein Kandidat vermittelt. Und hier hat Hillary Clinton ein enormes Manko: Sie vermittelt keine Gefühle. Stimmt nicht ganz: Kaum ein Politiker wird so gehasst wie sie. 42 Prozent der US-Bürger sagen, sie können die Senatorin nicht ausstehen. Republikanische Parteistrategen wünschen sich nichts sehnlicher als eine demokratische Kandidatin namens Hillary Clinton, weil das die beste Motivation für die Parteimitglieder wäre, um für McCain zu stimmen.

Das Letzte, das die USA nach acht Jahren George Bush brauchen, ist ein Politiker, der das Land erneut spaltet. Bush hat dem Selbstbewusstsein dieser Nation schwer geschadet und das Land zu einem der unbeliebtesten der Welt gemacht. Wenn in Umfragen Europäer sogar glauben, die USA seien eine größere Bedrohung für den Weltfrieden als der Iran, dann liegt hier etwas schwer im Argen.

Die Amerikaner brauchen jemanden, der ihnen wieder Hoffnung, Optimismus und Zuversicht gibt, so wie einst Ronald Reagan. Wenn das einer kann, dann Barack Obama, auch wenn dessen ganzes politisches Verdienst es ist, vor vier Jahren beim demokratischen Nominierungsparteitag in Boston eine 17 Minuten lange Rede gehalten zu haben.

Doch was für eine Rede! Ein Ruf nach Einigkeit und nach Zusammenarbeit, nach einem Ende der Parteilichkeit und einem Neuanfang für ein geprügeltes Land. Mag schon sein, dass das Allgemeinplätze sind, aber das waren auch Worte wie Kennedys „Fragt nicht, was das Land für euch tun kann; fragt, was ihr für dieses Land tun könnt“ und Churchills „Wir dürfen nie, nie, nie, nie aufgeben“. Obama ist ein „perfekter Redner“ im besten Sinne Ciceros.


Wenn Clinton nun von einem „Dream-Team“ zusammen mit Obama spricht und davon, dass es eigentlich nur noch darum gehe, wer als Präsident und wer als Vizepräsident kandidiert, dann zeigt das ihre Verzweiflung. Denn selbst nach ihren Siegen in Texas und Ohio hat sie rechnerisch keine Chance mehr, Obama bei den verbliebenen Vorwahlen zu überholen. Obama wäre schlecht beraten, auf das Team-Angebot einzugehen. Alleine hat er, das zeigen alle Umfragen, eine Chance, gegen den Republikaner McCain zu gewinnen. Clinton auf dem Ticket würde diese Chancen dramatisch mindern.

Die einstige First Lady könnte jetzt wahre Größe zeigen und von sich aus auf ihre Kandidatur verzichten. Der Partei würde sie damit einen langen, möglicherweise selbstzerfleischenden Auswahlprozess ersparen, und sie selbst wäre ein leuchtendes Beispiel für Selbstlosigkeit, Klasse und Würde. Und nicht Sinnbild für eine machthungrige Person, die ihre Interessen über die Chancen auf eine Heilung des Landes stellt.

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norbert.rief@diepresse.com("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.03.2008)

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