Klimawandel: Konzerne stechen in die arktische See

(c) Aker Yards
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Die Eisdecke auf dem nördlichen Polarmeer schrumpft. Russische und amerikanische Rohstoffkonzerne investieren darum in eismeertaugliche Schiffsflotten.

Toronto/WIEN (Bloomberg/go).Während die globale Erwärmung vielerorts Umweltkatastrophen auslöst, eröffnet das Abschmelzen der Polarkappen für die Schifffahrt neue Handelsrouten durch das Eismeer. Darum haben der russische Metallkonzern Norilsk Nickel und die US-Raffineriefirma ConocoPhilips bereits Spezialschiffe in Auftrag gegeben, mit denen sie schon bald Erze, Rohöl und Ausrüstungsgüter durch die polaren Meere transportieren werden.

1,5 Meter Eis? Kein Problem

Norilsk allein hat 320 Mio. Euro investiert und beim norwegischen Schiffbauer Aker Yards fünf Spezialschiffe bestellt, welche die Gewässer im Norden Sibiriens durchpflügen sollen. Der Konzern, der den Namen einer sibirischen Stadt trägt, transportiert bereits Nickel, Kupfer und Palladium von der Taimyr-Halbinsel nach Europa.

Ein Schiff hat der Konzern bereits in Dienst, die anderen sollen Mitte 2009 vom Stapel laufen. „Wir wollen eigene Schiffe haben“, sagte ein Pressesprecher von Norilsk zur Nachrichtenagentur Bloomberg. Das hat einen einfachen Grund: Die Mieten für Frachtschiffe und Eisbrecher steigen angesichts der höheren Nachfrage nach polartauglichen Transportmitteln. Denn dass ein größerer Teil des Nordmeeres schiffbar wird, heißt nicht, dass es auch eisfrei ist. Das Meer wird auch weiterhin zufrieren. Polartaugliche Frachtschiffe werden die Eisdecke aber durchbrechen können.

Die arktischen Frachter von Aker Yards funktionieren nach einem simplen Prinzip. Treffen sie auf frierendes Wasser, wenden sie einfach um 180 Grad und bahnen sich im Rückwärtsgang den Weg durchs Eis. Bis zu eineinhalb Meter dicke Eisschichten kann das 169 Meter lange und 23,1 Meter breite Schiff vom Typ „ACS 650“ eigenständig durchbrechen. Das spart Norilsk Geld, denn bisher musste der Konzern seine Handelsflotte im Winter von Eisbrechern begleiten lassen.

Mit diesen Plänen zur Modernisierung der Polarflotte ist der russische Konzern nicht allein. Der koreanische Mischkonzern Samsung, der unter anderem die drittgrößte Werft der Welt betreibt, baut derzeit um rund 300 Mio. Euro drei Spezialtanker für den russischen Frachtflottenkonzern Sovcomflot sowie ConocoPhilips. Sovcomflot wird mit diesem eismeertauglichen Tanker die zweitgrößte US-Raffinerie, die ConocoPhilips betreibt, mit Rohöl beliefern. Dafür sind robustere Tanker vonnöten, weil im Zuge des Abschmelzens der Polkappen immer mehr Eisberge in den nördlichen Schifffahrtsrouten schwimmen.

Direkt über den Nordpol fahren

Und auch eine Route, die bisher Hundeschlitten vorbehalten ist, könnte in einigen Jahren schiffbar sein: die über den arktischen Magnetpol. Dadurch würde sich der Seeweg zwischen Hamburg und Yokohama von 17.700 auf knapp 11.300 Kilometer verkürzen. Das wurde elf Tage Reisezeit ersparen. Und somit auch viel Geld. Einen Frachter der Panamax-Klasse mit 75.000 Bruttoregistertonnen würde diese kürzere Route rund 800.000 Dollar (530.000 Euro) pro Fahrt weniger kosten, hat der Londoner Schiffsmakler Howe Robinson & Co. berechnet.

Auch die Nordwestpassage im Norden Kanadas könnte erschlossen werden. Dieser Trend zeichnet sich bereits ab: Von 2005 bis 2007 stieg die Zahl der arktischen Fahrten in Kanada von 78 auf 132. Energiekonzerne könnten künftig den ölreichen Teersand im Norden der kanadischen Provinz Alberta über den Mackenzie-Fluss und die Beaufort-See erschließen.

Was wirtschaftlich reizvoll ist, stellt für die Tier- und Pflanzenwelt neue Risiken dar. Als der Öltanker „Exxon Valdez“ 1989 vor Alaskas Südküste auf Grund lief, war der verschmutzte Küstenbereich nur per Hubschrauber und Boot erreichbar. Die Reinigung kostete zwei Mrd. Dollar.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.03.2008)

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