Museum für Völkerkunde. „Tutanchamun und die Welt der Pharaonen“ – eine Tour de Force durch 3000 Jahre.
Ägypten in acht Tagen ist die ganz harte Tour für Liebhaber der Pharaonen-Zeit. Es geht auch bequemer: Ägypten in zwölf Räumen bietet ab Montag das Kunsthistorische Museum in Kooperation mit der „National Geographic Society“ an – maßgeschneidert für Publikumsmassen, gut 500.000 erwartet man. Flott wird der Besucher im Wiener Völkerkundemuseum durch 3000 Jahre Geschichte gelotst. Nach zirka 140 Artefakten, also nach gut einer Stunde, hat jeder Laie eine ungefähre Ahnung davon, warum das Königreich am Nil so dauerhaft war. Die herrliche Hatschepsut und der kämpferische Amenophis III., Pharao Ramses in vielerlei Gestalten, sie alle sind zu sehen.
Das Material ist didaktisch gut aufbereitet, mit Grafiken, Videos und ausführlicher Beschriftung. Qualität geht vor Quantität. Die Räume sind nach Themen geordnet – auf einen Querschnitt durch die Riege bedeutender Pharaonen vom Alten bis zum Neuen Reich folgen Familienleben, Hofstaat, Religion, das Gold des Pharao und schließlich in fünf Abteilungen das berühmte, 1922 entdeckte Grab des König Tut.
Expressiver Ketzerkönig
„Tutanchamun und die Welt der Pharaonen“ heißt die neue Schau, die nun durch die Welt gehen soll und erstmals in Wien Station macht, bis 28. September. Objekte aus dem Grab des zirka vor 3330 Jahren als Teenager verstorbenen Königs am Ende der 18. Dynastie machen nur die Hälfte der Ausstellung aus. Sie reicht von 5000 Jahre alten Statuen bis in die Endzeit der Pharaonen.
Schwerpunkt aber ist die Amarna-Periode, jene revolutionäre Zeit unmittelbar vor Tuts Herrschaft, in der Pharao Echnaton sich von den alten Göttern abwandte und eine neue Hauptstadt für den Sonnengott schuf. Von diesem „Ketzerkönig“ gibt es auch eine eindrucksvolle Büste aus dem Tempel von Karnak bei Luxor zu sehen; zwei Meter hoch ist dieser expressionistisch wirkende Akhenaten aus Sandstein, mit langen, weichen Gesichtszügen. Die Doppelkrone über dem Kopftuch verweist darauf, dass der Pharao den Sonnengott vertritt. Er ist hier der Türsteher auf dem Weg zu seinem Nachfolger Tutanchamun.
Meritaton auf der Vogeljagd
Die Amarna-Periode hatte eine lebhafte, fast naturalistisch anmutende Kunst, wie ein Fragment aus dem Fußbodenbelag des Aketaton-Palastes zeigt: Eine bunte Vogeljagd-Szene aus dem Privathaus Meritatons, der Tochter und späteren Frau Echnatons.
Zu den rührendsten Szenen gehören jene aus dem Familienleben der Ägypter. Der Priester Kai hat sich auf einem Lehnstuhl sitzend darstellen lassen. Neben der gut einen halben Meter hohen, bemalten Kalksteinstatue kauern seine Kinder und umschlingen seine Beine. Ganz natürlich blickt die Tochter Nefretanch in die Ferne, während der Sohn an einem Finger lutscht. Kai lebte vor 4500 Jahren, als die großen Pyramiden von Gizeh gebaut wurden, doch diese Figurengruppe ist so lebendig, als wäre sie gestern geschaffen worden.
Viel staatstragender sind die Statuen der mächtigen Pharaonen der IV. Dynastie. Der große Chephren aus Memphis, Herrscher des Alten Reiches, ballt die Faust. Die Kalzit-Figur sitzt auf einem blockförmigen Thron. Sein Name, der ewig genannt werden soll, ist in den Sockel eingeritzt. Ebenso eindrucksvoll wirkt eine Kalzit-Statue von Chephrens Nachfolger Menkaure – 160 Zentimeter Gelassenheit in idealisierter Form. Wuchtig entschlossen auch sind die Pharaonen der XIX. Dynastie, Ramses II. oder Meremptha aus solidem Granit. Solche steinharten, ruhigen Könige brauchte es, um das Land zu einen.
Von der Macht und dem Reichtum der 30 Dynastien erzählen auch die exquisiten Schmuckstücke aus Gold. Es versprach Ewigkeit, aus diesem Fleisch waren die Götter gemacht. Goldene Horusfalken an bunten Amuletten, goldene Blüten-Diademe, Pektorale, Armbänder mit persönlichen Widmungen sind in einem verdunkelten Raum zu sehen, der das Geschmeide umso stärker glänzen lässt. Ein Hauptstück ist die 3000 Jahre alte Totenmaske des Pharao Psuennes I. aus der XXI. Dynastie: Dargestellt ist ein junger Mann, mit langem Zeremonienbart, die Uräusschlange an seiner Kopfbedeckung bedeutet Königswürde.
Ein kompletter Haushalt für den Toten
Vielfältig wird die Schau, wenn es in der zweiten Hälfte um das Grab des Tutanchamun geht: Nichts sollte dem jungen König fehlen im Jenseits. Ein Spielkasten aus Elfenbein, ein Anhänger aus Gold mit seinem Namen, eine vergoldete Götterstatue als ewige Wächterin. Zahlreiche Uschebti, kleine Dienerstatuen, stehen Tut zur Verfügung. Sogar an eine türkise Kopfstütze wurde gedacht, an Fetische, Lampen, Schreibzeug – und ein Bett. Die geflochtene Schilfmatte ist noch intakt, und für die große Reise haben die Priester ein Bootsmodell mitgegeben. Die kostbarsten Stücke sind wohl ein Fächer aus vergoldetem Holz, ein goldener Miniatursarg und die Sandalen des Toten.
Am Ausgang der Schau blickt er dir persönlich entgegen, der König, als beinahe drei Meter große Statue aus bemaltem Quarzit. Tuts Nachfolger Haremhab hat die Inschrift am Gürtel dieses Kolosses aus dem Thebener Totentempel von Eje mit dem eigenen Namen überschreiben lassen. Niemand sollte sich an den Sohn des Ketzerkönigs erinnern. Doch Tutanchamun schaut dich nun gelassen an. Er hat überlebt.
Über das Werden des Reichs, den Tod
des Tut, Echnaton und Ägyptomanie:
Seiten 42 und 43
DIE AUSSTELLUNG IN WIEN – UND WEITERE IN ZÜRICH, LONDON.
Die National Geographic Society,Unterstützerin der Tutanchamun-Ausstellung in Wien, existiert seit 120 Jahren und gehört zu den größten nicht profitorientierten Wissenschafts- und Bildungsinstitutionen der Welt. Berühmt ist die Gesellschaft außer für die Förderung geografischer Forschungsprojekte für ihr Magazin, TV-Filme und -Serien.
Während in Wien nur Originalfundstücke gezeigt werden, hat eine „Erlebnis-Ausstellung“ in Zürich die Grabkammer Tutanchamuns nachgebaut. In London gastiert bis August die ältere Schau „Tutanchamun und das goldene Zeitalter der Pharaonen“, sie tourt seit 2004, wie in Wien werden viele Grabbeigaben gezeigt. Die „echten“ Fundstücke sind derzeit (sofern sie Ägypten verlassen dürfen) alle in Europa versammelt.
Mo-Fr 10 bis 19 Uhr, Mi 10 bis 21 Uhr, Sa, So und Fei 9 bis 19 Uhr. Eintritt: 18 , Kinder unter 18 Jahren 8,50 . Museum für Völkerkunde, 1., Neue Burg (Heldenplatz).
("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.03.2008)