Wieso dient Sarastro der Isis? War Moses ein Ägypter? Wie wurde Echnaton verdrängt? Die Faszination Ägyptens nährt sich aus Rätseln.
„Die Egyptischen Geheimnisse“ war bis kurz vor der Premiere ein Arbeitstitel Mozarts für seine „Zauberflöte“. Die nicht im alten Ägypten spielt, aber in einem Reich, in dem die Mysterien der Isis begangen werden. Die Freimaurer stellten sich in diese – eigentlich hellenistische – Tradition und die All-Göttin Isis in einen deistischen Kult der Weisheit. Ägypten als Fantasieland: Eine Wiener Landkarte aus 1780 trägt den Titel „Unter-Oesterreich oder das Kleine Ägypten“; der Graf Cobenzl, ein Maurer, bei dem Mozart 1781 auf Besuch war, baute sich zu seinem (erst in den 1960er-Jahren abgerissenen) Schloss eine ägyptische Grotte.
Dabei waren die Freimaurer in ihren Fantasien einer unterirdischen altägyptischen Wissenskultur kaum durch Textverständnis beschränkt: Erst 1822 entzifferte Jean-François Champollion die Hieroglyphen.
Die Unlesbarkeit hatte zur Faszination Ägyptens beigetragen, schon in der Antike: Der legendäre „Hermes Trismegistos“ (beschrieben u.a. als Entdecker des Steins der Weisen) wurde mit Thot, dem ägyptischen Gott der Schrift, identifiziert. In der Renaissance galt Hermes Trismegistos als „Moses Aegyptiacus“, als ägyptisches Gegenstück zu Mose, der „Corpus Hermeticum“ (eine dem Hermes Trismegistos zugeschriebene Trakten-Sammlung, entstanden ca. 100 bis 300 n.Chr.) als Pendant zur Thora.
Ägypten als das Andere, als Gegenpol zur jüdisch-christlichen Kultur: Diese Tradition, die Egon Friedell karikaturenhaft auf die Formel brachte, die Ägypter seien „vorchristlich, noch ohne Seele“ gewesen, wurzelt natürlich in der biblischen Geschichte vom Exodus, vom Auszug aus Ägypten, bis heute der Archetypus für Befreiung aus (mit „Fleischtöpfen“ beschönigter) Unterdrückung: „Tell old pharaoh: Let my people go!“
Der Ägyptologe Jan Assmann setzte sein Konzept von der „mosaischen Unterscheidung“ – hier unser wahrer Gott, dort alle anderen falschen Götter – dagegen, die als „Gegenreligion“ eine neue Form von Intoleranz, ja: Hass in die Welt gebracht habe. Von einer Erschütterung der „Ma'at“ – das Wort steht für die kosmische und die soziale Ordnung, die Gerechtigkeit – sprachen Echnatons Gegner. „Im Zeichen des Einen wird die Religion entpolarisiert, entpolitisiert und damit auch entmoralisiert“, so beschreibt Assmann das Projekt des Echnaton.
Dabei stamme die mosaische Unterscheidung selbst aus Ägypten: Diese Theorie vertrat Sigmund Freud in seinem letzten Buch, „Der Mann Moses und die monotheistische Religion“. Moses (der Name ist unzweifelhaft ägyptisch) sei ein Gefolgsmann Echnatons gewesen, der nach der Gegenreformation, in der Echnatons religiöse Reform rückgängig gemacht wurde, sich das kleine israelische Volk erwählt und ihm den Monotheismus verschrieben habe. Das müsste also zirka zur Zeit des Tutanchamun gewesen sein.
Joseph vor dem Pharaoh
Freud kokettierte damit, einen „historischen Roman“ zu schreiben, Thomas Mann ironisierte und überhöhte dieses Genre in seiner Tetralogie „Joseph und seine Brüder“ (1933 bis 1943): Bei ihm ist Echnaton der Pharaoh, unter dem Joseph zum „Landesvater über ganz Ägyptenland“ wird; der schwächliche Romantiker einer späten Kultur und der Erzvater-Sohn finden einander in der Idee eines einzigen Gottes.
Beide Konstruktionen haben selbst mythischen Charakter, die Freudsche Idee, Moses und Echnaton zusammenzuführen, hat aber eine lange Tradition: Schon im frühen dritten Jahrhundert erzählte der ägyptische Priester Manetho – dessen Angaben bis heute ein Pfeiler für die Chronologie Ägyptens sind – von einem ägyptischen Priester namens Osarsiph, der zu Zeiten des Amenophis III (Echnatons Vater) den Kranken in einer Lepra-Kolonie Gesetze gibt und zuletzt den Namen Moses annimmt.
„Rokokohafte“ Amarna-Kunst
Moses sei von den Israeliten erschlagen und verdrängt worden, glaubte Freud. Jan Assmann ergänzt: „Echnaton ist in Ägypten nicht vergessen, sondern verdrängt worden.“ Sein Frevel aber habe als Trauma lange weiter gewirkt.
Mag sein, dass ein Gefühl für dieses Trauma daran mitwirkt, dass die Zeit um Echnaton bis heute die faszinierendste Ära des alten Ägypten ist. Echnaton sei „die erste Persönlichkeit der Weltgeschichte, die greifbar vor uns steht“, urteilte Friedell – und sah dessen religiöse Revolution in einem ästhetischen Umsturz gespiegelt. Er fand in der Kunst der Amarna-Zeit „etwas Rokokohaftes“, einen bis zum Manierismus gesteigerten Naturalismus; tatsächlich brach sie mit eineinhalb Jahrtausende alten Traditionen, zeigte küssende Liebende und einen König, der an einer Blume riecht, Hängebäuche und seltsam verformte Schädel.
Und natürlich die Sonne. Die ja auch in der „Zauberflöte“ am Ende siegt: „Die Strahlen der Sonne vertreiben die Nacht.“ Das wäre noch ein ägyptisches Geheimnis: Wie stünde wohl Echnaton zum Isis-Kult des Freimaurer? Oder: Lassen sich freie Vernunft und Ma'at miteinander versöhnen?
ALTÄGYPTEN IM FILM
„Land der Pharaonen“ heißt einer der Monumentalfilme Hollywoods – 1955 von Howard Hawks inszeniert, mit Joan Collins als intriganter Prinzessin –, die vor allem für die Repräsentation des alten Ägypten im Film sorgten. Abgesehen vom Exzess zur Hochblüte des Historienschinkens in den 1950ern waren solche Stoffe, besonders um „Cleopatra“ und „Die Zehn Gebote“ von der Stummfilmzeit bis zu heutigen TV-Mehrteilern aber eigentlich immer populär.
„Die Rache der Pharaonen“ ist deutscher Titel einer der Versionen – 1959 von Terence Fisher inszeniert, mit Christopher Lee als „Die Mumie“ – eines zweiten zeitlos populären Altägypten-Erzählmusters: Wieder erstandene Einbalsamierte nehmen gruslige Rache für die Schändung ihres Grabes.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.03.2008)