Das neue Reich. Der Fall Tutanchamun steckt noch voller Geheimnisse – der junge König stand am Ende der XVIII. Dynastie, die voller fantastischer Charaktere war.
Das einzige Bemerkenswerte an Tutanchamun sei, dass er starb und begraben wurde, sagte zynisch sein Entdecker Howard Carter, der auch recht unsanft mit der mumifizierten Leiche des jungen Königs umging. Bis 1922 war die Existenz des Pharaos, der 1332 bis 1323 v. Chr., am Ende der XVIII. Dynastie herrschte, nicht bekannt. Von einer Zeit der Unruhe und des Wandels schrieben ptolemäische Gelehrte. mehr konnten sie damals auch nicht wissen.
Ein Nachfolger, wahrscheinlich der Feldherr Haremhab (1319-1292), wollte die Erinnerung an Tutanchamun und vor allem an dessen Vorgänger Echnaton löschen. Er schickte die Steinmetze aus, um die Namen zu tilgen. Denn Echnaton galt als Ketzer, der die alten Götter verbot und exklusiv an den Sonnengott glaubte. Unter Tutanchamun kam es zur Gegenreform. Unter den Ramessiden der XIX. Dynastie erfolgte dann die Neuordnung und Stärkung des Reiches.
Mehr als 3000 Jahre hatte Haremhab mit seiner Tabula rasa Erfolg, bis Carters Expedition im Tal der Könige das beinahe unversehrte Grab des König Tut entdeckte. Ein fantastisches Paradox: Während es von den meisten Pharaonen viel zu berichten, aber kein intaktes Grab zu finden gab, konnte man über Tut bis dahin nichts berichten, stieß aber auf eine Kammer voller Schätze. Dieses Grab führte bald zu wilden Spekulationen: Die von Echnaton entmachteten Priester des Amun hätten ihn getötet, der Wesir, Rivalen in der Familie. Vielleicht aber war es nur ein Unfall, denn die Quellenlage bleibt äußerst bescheiden. Nicht einmal die Herkunft Tuts war bisher klar.
Wer war die Mutter?
Neuerdings aber meinen manche Ägyptologen zu wissen, dass er höchstwahrscheinlich der Sohn von Echnaton (1351 - 1335 v. Chr.) und dessen Nebenfrau Kija war, die bei der Geburt starb. Echnatons Hauptfrau Nofretete, die ihm sechs Töchter gebar, wird als Tuts Mutter nicht mehr in Betracht gezogen. Sie aber könnte, so meinte jedenfalls die im Februar verstorbene britische Ägyptologin Christine El Mahdy, identisch sein mit jenem Semenchkare, der bisher als Halbbruder Tutanchamuns gegolten hatte und vor ihm drei Jahre geherrscht haben soll. Verwirrend? Nun, General Haremhab, eine Art Bismarck des Altertums, hatte eben beinahe ganze Arbeit geleistet, und die Verwandtschaftsverhältnisse der XVIII. Dynastie stellen die kompliziertesten Patchwork-Familien von heute in den Schatten. Heirat mit der Tochter, Heirat mit dem Bruder, Koitus mit Amun – alles schien möglich. Und am Ende entschieden wohl die Steinmetze über die Dauer der Königsgeschlechter.
Die Zeit war bereits aus den Fugen, als die XVIII. Dynastie 1540 v. Chr. entstand. Zuvor hatten 250 Jahre lang die Hyksos geherrscht, ein Reitervolk aus dem Osten, gegen das sich schließlich thebanische Regionalkönige auflehnten. Unter Ahmose wurden die Fremdherrscher vetrieben, Ägypten erstarkte wieder. Thutmosis I. eroberte im Süden Nubien und besiegte im Nahen Osten die Mitanni. Es begann eine rege Bautätigkeit in Karnak, Luxor und West-Theben, vor allem unter Königin Hatschepsut und ihrem Stiefsohn Thutmosis III., einem der erfolgreichsten Feldherren überhaupt. Kein Wunder: Die Stiefmutter hatte ihn für 20 Jahre zum Militär nach Memphis geschickt, um selbst den Thron zu besteigen. Thutmosis III: (1479 – 1426) vergalt es ihr, indem er ihre Geschichte löschen ließ – fast.
Der Ketzerkönig
Am radikalsten aber wurde mit Amenophis IV. verfahren, der als Echnaton eine Religion stiftete und unmittelbar nach seinem Tod in Ungnade fiel. Seine neue Residenz in Achetaton verfiel, es herrschten bereits wieder Amun und andere Götter am Nil. Echnaton sei der Erfinder des Eingottglaubens gewesen, die Juden und die Christen hätten ihn nur kopiert, heißt es spekulativ ab Ende des 19.Jahrhunderts. Großen Einfluss hatten die Werke von James Henry Breasted, der Echnatons Sonnengesang übersetzte und der romantische Bestseller „The Life and Times of Akhnaton, Pharao of Egypt“ von Arthur Weigall. Kann man den Ketzerkönig also mit Jahwe verbinden? Eine schöne Geschichte, doch wie gesagt, Haremhab, der methodische Militärchef, hat auch bei Echnaton wild manipuliert.
Was aber wissen wir heute über Tutanchamun? Er war nicht missgebildet, sein Rückgrat wurde erst durch die Einbalsamierung verkrümmt. Er war schlank gebaut wie seine Vorfahren, hatte aber sehr breite Hüften. Er fuhr gerne mit dem Streitwagen, sagen die Bilder in seinem Grab. Ein Fahrunfall könnte sogar zu seinem Tod geführt haben. Er hatte vermutlich sechs Schwestern und einen Bruder, möglicherweise hatten er und seine Frau Anchesenpaaton, eine Tochter Echnatons, Töchter, die tot geboren wurden.
Amun statt Aton
Was für ein Herrscher war Tutanchamun? Wahrscheinlich führte für ihn Echnatons Wesir Eje die Regierungsgeschäfte. Hohe Beamte könnten dafür gesorgt haben, dass unter dem unmündigen König die Verehrung der alten Götter wieder eingeführt wurde. Der Name des Pharaos wurde von Tutanchaton (lebendes Abbild des Aton) in Tutanchamun (lebendes Abbild des Amun) geändert, der Hof verließ Amarna und zog nach Memphis. Nun begann die Politik der Wende. „Die Götter hatten Ägypten verlassen“, ließ Pharao in eine Stele meißeln, „und die Gebete des Volkes waren unbeantwortet geblieben.“ Bis Amun zurückkehrte.
CHRONOLOGIE
Auf Manetho (3.Jhd. v.Chr.) geht die Einteilung der Pharaonen-Zeit in 30 Dynastien zurück. Als Gründer der ersten Dynastie gilt Menes (ca. 3000).
Das Alte Reich (3.-6.Dynastie) dauerte von 2707 bis 2216, das Mittlere Reich (11.-12.D.) von 2010 bis 1793, das Neue Reich (18.-20.D.) von 1532 bis 1070. Dazwischen lagen „Zwischenzeiten“, danach spricht man von der Spätzeit.
Die 18.Dynastie begann mit dem Sieg von Ahmose über die Hyksos, Es folgten Amenophis I., Thutmosis I., Thutmosis II, die Königin Hatschepsut, Thutmosis III., Amenophis II., Thutmosis IV., Amenophis III., Amenophis IV. (Echnaton), Semenchkare, Tutanchamun, Eje II. und Haremhab.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.03.2008)