Indiana Jones erobert Wien

Ein alter orientalischer Spruch besagt, der Archäologe unterscheide sich von einem Grabräuber nur durch ein Detail.

Er publiziere seine Funde. Ein wenig erinnert der oberste Hüter der alten ägyptischen Schätze, Zahi Hawass, der eine große Pharaonen-Schau ins Wiener Völkerkundemuseum bringt, an dieses Abenteurertum. Meist tritt er in den Filmen des Mitveranstalters „National Geographic“ mit einem Cowboyhut auf, als wäre er Indiana Jones, und erzählt die allerneuesten Geschichten aus Tausend-und-einer-Nacht im Tal der Könige. Beherzt greift er zu (mit bloßen Händen!), ehe die Mumie Tutanchamuns in den Scanner geschoben wird, damit man neue Spekulationen über Leben und Sterben des jungen Pharaos für die nächsten Doku-Reihe anstellen kann.

Der Mann kann uns fesseln. Die Ausstellungen betritt man mit dem nervösen Grundgefühl von Kindern an den Pforten von Disneyland. Wer will sich diesem faszinierenden Wanderzirkus entziehen, der synchron an verschiedenen Orten mit dem Geist des Pharao lockt? In Zürich werden ab heute Hunderttausende in einer Tut-Show erwartet, obwohl nur Kopien in einem nachgebauten Königsgrab zu sehen sind. (In Wien zeigt man ausschließlich Originale.)

Die fantastische Königsmaske bleibt ohnehin zuhause am Nil. Aber der Zweck kleiner Ent-Täuschungen heiligt die Mittel: 100 Millionen Euro lukrieren die Veranstalter mit den Ausstellungen, die kommen auch Ägypten und wahrscheinlich der Archäologie zugute.

Man muss sich den Betrachter der Grabschätze wie König Tut selbst vorstellen: Als staunenden Buben. Aber vielleicht ist das ebenfalls eine Projektion. Dieser Pharao könnte genauso gut ein Bürokrat gewesen sein, der seinem Hofstaat mit hohlem Brimborium ziemlich auf die Nerven ging. Dann hätte er es auch verdient, heute in aller Welt bloßgestellt zu werden.


norbert.mayer@diepresse.com("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.03.2008)

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