Jetzt rollt die nächste Börsenkrise an

(c) AP (Richard Drew)
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Analyse. Wer Aktien als Langzeitanlage kaufen will, kann sich Zeit lassen: Viele Papiere haben noch einen langen Weg nach unten.

Wer geglaubt hat, an den Weltbörsen sei das Schlimmste überstanden, ist in der abgelaufenen Woche eines Besseren belehrt worden: Die kurzzeitig stabilisierten Aktienkurse sind erneut ins Rutschen geraten, in Deutschland und Österreich sogar stark: Da gab es innerhalb einer Woche Index-Rückgänge um rund sechs Prozent.

Und das ist erst der Anfang: Offenbar hat gerade die von vielen Analysten befürchtete zweite Abverkaufswelle an den Börsen begonnen. Die erste Welle hat Aktionäre seit Jahresbeginn ja im Schnitt bereits um fast 20 Prozent ärmer gemacht. Am wenigsten interessanterweise noch die an der Wall Street, obwohl die Probleme ihren Ausgang in den Staaten genommen haben.

Und von dort kommt auch der Treibsatz für die zweite Welle: Die ursprünglich auf den privaten Wohnungsmarkt beschränkte Krise greift nämlich auf immer mehr Branchen über – und sie bremst immer stärker die produzierende Wirtschaft.

Zwei Alarmzeichen waren es, die Börsianer in der abgelaufenen Woche hektisch gemacht haben:

•Am Donnerstag haben mehrere US-Finanzinstitute ihre „Margin Calls“ nicht bedienen können. Das sind Nachschussverpflichtungen, die beispielsweise entstehen, wenn der Markt bei Derivativgeschäften in die falsche Richtung geht und deshalb die „Unterlegung“ solcher Geschäfte nicht mehr stimmt. Für Finanzexperten bedeutet das Alarmstufe rot: Es deutet darauf hin, dass der Zustand der amerikanischen Finanzwirtschaft noch viel schlechter ist als befürchtet. Und dass Bankpleiten wohl nicht mehr so unrealistisch sind.

•Am Freitag hat ein überraschender Rückgang der Beschäftigung die Alarmglocken läuten lassen. „Die Kreditkrise ist in der Wirtschaft angekommen“, kommentierte ein Analyst. Ein stärkerer Konjunkturrückgang wird die nächste Finanzkrise auslösen: Der Markt für gewerbliche Immobilien steht in den USA derzeit ähnlich an der Kippe wie der private Häusermarkt vor einem Jahr.

Keine nachhaltige Rally

Für potenzielle Anleger heißt das nichts gutes. Die US-Notenbank Fed versucht zwar gegenzusteuern (noch im März dürften die US-Zinsen noch einmal kräftig sinken, der Markt wird zudem mit Liquidität überschwemmt), die Maßnahmen verpuffen aber relativ wirkungslos. Auch deshalb, weil die zusätzlichen Fed-Milliarden im Bankensystem „hängenbleiben“.

Für Anleger werden die nächsten Monate also noch ziemlich holprig. Profi-Börsianer erwarten zwar in den nächsten Monaten immer wieder Zwischen-Rallys, die aber nicht nachhaltig sein dürften und schnell verpuffen werden. Der Grundtrend zeigt vorläufig stabil nach unten.

„Buy“ heißt nicht „kaufen“

Das heißt, dass es derzeit eher nicht geschickt ist, Long-Positionen einzugehen, also Aktien in der Hoffnung auf steigende Kurse zu kaufen. Bei den vielen Kaufempfehlungen, die unverdrossen abgesondert werden, sollte man auch das „Kleingedruckte“ lesen: „Buy“ heißt normalerweise nämlich nur, dass sich die Aktie nach Meinung des Analysten auf Jahressicht um zehn bis 20 Prozent besser als der Gesamtmarkt entwickeln wird. In schlechten Zeiten reicht es dazu, langsamer als der Vergleichsindex zu sinken. Nicht gerade eine Kaufempfehlung.

Besondere „Problembären“ sind Finanzwerte, speziell amerikanische Banken könnten trotz teils schon dramatischer Kurseinbrüche noch einen weiten Weg nach unten haben. Eine fast sichere Bank für Spekulationen auf fallende Kurse. Das können Privatanleger beispielsweise mit entsprechenden Zertifikaten oder Put-Optionsscheinen. Vor allem letzteres sollten freilich nur sehr erfahrene Privat-Spekulanten ins Auge fassen: Bei „gehebelten“ Produkten ist das Geld nämlich oft schneller weg, als man schauen kann, falls sich der Markt abrupt in die falsche Richtung dreht.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.03.2008)

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