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„Opfermythos zur Abwehr der Entschädigungen“

(c) APA (Roland Schlager)
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INTERVIEW. Brigitte Bailer-Galanda über die historisch „nicht haltbare“ Opferrolle Österreichs seit 1938.

Die Presse: Gibt es den Opfermythos noch?

Brigitte Bailer-Galanda: Der ist so viele Jahre von Nachkriegsgenerationen propagiert worden, dass er sich als sehr langlebig erweist: der Mythos, dass Österreich hilflos von Hitler-Deutschland überfallen wurde. Das ist historisch nicht haltbar: Der März 1938 war eine Machtübernahme von innen und außen. Man konnte das in Städten wie Graz beobachten, dort haben die Nationalsozialisten vor dem Einmarsch die Macht übernommen.

 

Aber bei einem Einmarsch und gleichzeitigem Putsch könnte ein Land ein Opfer sein.

Bailer-Galanda: Clemens Jabloner, Vorsitzender der Historikerkommission, hat gesagt, dass ein Land kollektiv kein Opfer sein kann, sondern nur die Bürger Täter und Opfer. Auch wenn inszenierte Propaganda-Aufmärsche stattfanden, haben in Wien viel mehr dem Einmarsch zugestimmt als später in Prag. Es haben sehr viele Österreicher von den Verfolgungsmaßnahmen gegen Juden profitiert. Es haben sich zahlreiche an NS-Verbrechen mitschuldig gemacht.

 

Aber letzteren Punkt bestreitet ohnehin niemand ernsthaft, oder?

Bailer-Galanda: Das würde ich so nicht unterschreiben. Auch wenn es keine ernsthaften Zweifel geben kann. Es wird noch immer versucht, zu diskutieren, ob die armen Österreicher nicht nur mitgelaufen sind. Die Frage der Mitverantwortung, etwa am Raub an jüdischen Österreichern, wird ungern gehört.

 

Es hat eine große Entschädigungslösung für Zwangsarbeiter, für Opfer von NS-Raub gegeben – unter einer rechten Regierung. Da muss es Unrechtsbewusstsein gegeben haben.

Bailer-Galanda: Wie immer, hat es vor allem sehr starken internationalen Druck gegeben.


Sonst wäre es nicht passiert, meinen Sie?

Bailer-Galanda: Da hätte es vieles nicht gegeben oder wäre schlechter gewesen.

 

Ist es ein politisches Problem oder eines der fehlenden wissenschaftlichen Aufarbeitung?

Bailer-Galanda: Schon vor dem Staatsvertrag haben sich Politiker gescheut, Entschädigung zu leisten, weil das als Eingeständnis der Mitverantwortung hätte gewertet werden können. Das hätte eine Verschlechterung der im Staatsvertrag auferlegten Bedingungen bedeuten können, so die Argumentation.

Auf den Spuren der Moskauer Deklaration, in der Österreich als erstes Opfer bezeichnet wird.

Bailer-Galanda: Jeder Politiker, der sein Land außenpolitisch vertreten will, hätte diese Moskauer Erklärung dankbar aufgegriffen. Dieser Opfermythos hat sich in die Abwehr der Forderungen der NS-Opfer gewendet.

Gibt es noch weiße Flecken in der Vergangenheitsbewältigung?

Bailer-Galanda: Einen wissenschaftlichen Schlussstrich kann es nicht geben. Bei der Aufarbeitung der NS-Zeit ist einiges zu tun, etwa bei der Täterforschung. Es gibt die Behauptung Simon Wiesenthals, dass Österreicher in höherem Ausmaß als Deutsche an NS-Verbrechen beteiligt gewesen seien. Da steht der empirische Nachweis aus. Bei Kommandanten der Vernichtungslager hat er Recht.

 

Die Linke argumentiert, der Austrofaschismus habe den Boden aufbereitet, Konservative, der Ständestaat wäre einziger Widerstand gewesen.

Bailer-Galanda: Das ist ambivalent. Dollfuß wurde im Zuge des Nationalsozialisten-Putsches ermordet. Schuschnigg versuchte einen Befriedungskurs Richtung Hitler zu fahren. Die Toleranz des Ständestaates gegenüber Nationalsozialisten war größer als gegenüber der Arbeiterbewegung.

 

Warum diskutiert man immer sofort über 1934, wenn es um 1938 geht?

Bailer-Galanda: Ein demokratisch gefestigtes Österreich wäre wahrscheinlich nicht so leicht zur Beute Hitlers geworden.

 

Der Protest wäre stärker gewesen? Oder der Widerstand größer?

Bailer-Galanda: Es wäre der Widerstand größer gewesen, vermutlich auch die Unterstützung seitens anderer Demokratien. Der Konkurrenz-Faschismus hatte keinen Erfolg. Wobei es die Diskussion gibt: War das wirklich Faschismus?

 

Was meinen Sie?

Bailer-Galanda: Zum Faschismus voller Ausprägung hat einiges gefehlt. Er hat keine Massenbasis gehabt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.03.2008)