„Sagen Sie ihm, es gibt keinen Spaß...“

Standbild aus: Der Untergang Österreichs
(c) ORF (Önb Bildarchiv Austria)

Göring macht Druck. Der Reichsmarschall nahm dem „Führer“ für kurze Zeit die Zügel aus der Hand.

Hermann Göring telefoniert am Abend des 11.März mehrmals mit dem tragisch gespaltenen „historischen Telefonfräulein“, dem den Nazis zugehörigen Innenminister Arthur Seyß-Inquart in Wien. In Absprache mit Hitler hatte Göring die Dramaturgie des „Anschlusses“ in die Hand genommen. Das Telefonat am 11. März um 17.26 Uhr:

Göring: „Also bitte Folgendes: Sie möchten sich sofort zusammen mit dem Generalleutnant Muff zum Bundespräsidenten begeben und ihm sagen, wenn nicht unverzüglich die Forderungen, wie benannt, Sie kennen sie, angenommen werden, dann erfolgt heute Nacht der Einmarsch der bereits an der Grenze aufmarschierten und anrollenden Truppen auf der ganzen Linie, und die Existenz Österreichs ist vorbei!

Der Generalleutnant Muff möchte sich mit Ihnen hinbegeben und verlangen, sofort vorgelassen zu werden, und das ausrichten. Bitte geben Sie uns unverzüglich Nachricht, auf welchem Standpunkt Miklas bleibt. Sagen Sie ihm, es gibt keinen Spaß jetzt. [...] Der Einmarsch wird nur dann aufgehalten, und die Truppen bleiben an der Grenze stehen, wenn wir bis 7.30Uhr (19.30Uhr, Anm.) die Meldung haben, dass der Miklas die Bundeskanzlerschaft Ihnen übertragen hat. (Gestörter Satz) ... gleichgültig, welche das auch sei, auf sofortige Wiederherstellung der Partei mit allen ihren Organisationen ... (wieder Störung) und lassen Sie dann im ganzen Land jetzt die Nationalsozialisten hochgehen. Sie dürfen überall jetzt auf die Straße gehen. Also bis 7.30Uhr Meldung! Ich werde sofort Muff dieselbe Weisung geben. Wenn der Miklas das nicht in vier Stunden kapiert, muss er es jetzt eben in vier Minuten kapieren!“

Seyß-Inquart: „Na gut!“


Abschied mit dem Kaiserquartett

Der Abschied Österreichs von der freien Welt erfolgt am 11.März um 19.47Uhr. Die Radioübertragung ist improvisiert. Im Eckzimmer des Kanzleramtes, wenige Meter von jener Stelle, an der 1934 Engelbert Dollfuß verblutet war, steht jetzt das Mikrofon der „Rawag“. Umgeben von einer kleinen Gruppe verstörter Mitarbeiter tritt Schuschnigg vor, um die Kapitulation zu verkünden. In der Rundfunkanstalt hat an diesem Abend Artur von Schuschnigg, der Bruder, Dienst. Er ist Leiter der „Tonträgerabteilung“ in der Johannesgasse. Die Sendung beginnt so überfallsartig, dass man die ersten Worte gar nicht aufzeichnen kann und die Aufnahme bis heute unvollständig ist.

„Die deutsche Reichsregierung hat dem Herrn Bundespräsidenten ein befristetes Ultimatum gestellt, nach welchem der Herr Bundespräsident einen ihm vorgeschlagenen Kandidaten zum Bundeskanzler zu ernennen und die Regierung nach den Vorschlägen der deutschen Reichsregierung zu bestellen hätte, widrigenfalls der Einmarsch deutscher Truppen für diese Stunde in Aussicht genommen würde.

Ich stelle fest vor der Welt, dass die Nachrichten, die in Österreich verbreitet wurden, dass Arbeiterunruhen gewesen seien, dass Ströme von Blut geflossen seien, dass die Regierung nicht Herrin der Lage wäre und aus eigenem nicht hätte Ordnung machen können, von A bis Z erfunden sind.

Der Herr Bundespräsident beauftragt mich, dem österreichischen Volk mitzuteilen, dass wir der Gewalt weichen. Wir haben, weil wir um keinen Preis, auch in dieser ernsten Stunde nicht, deutsches Blut zu vergießen gesonnen sind, unserer Wehrmacht den Auftrag gegeben, für den Fall, dass der Einmarsch durchgeführt wird, ohne wesentlichen Widerstand – ohne Widerstand –, sich zurückzuziehen und die Entscheidung der nächsten Stunden abzuwarten. [. . .]

So verabschiede ich mich in dieser Stunde von dem österreichischen Volke mit einem deutschen Wort und einem Herzenswunsch: Gott schütze Österreich!“

Jeder der Zeitgenossen wird sich später entsinnen, wo er dieses Requiem auf das freie selbstständige Österreich vor dem Radioapparat mitverfolgt und wie er darauf reagiert hat. Artur Schuschnigg zeigt übrigens professionellen Sinn für dramatische Effekte: Schon während der Rede des Bruders hat er die Schellack-Platte mit dem Variationssatz aus dem „Kaiserquartett“ aufgelegt. Und während die unsterbliche Melodie verklingt, packt er seine Sachen. Auch für ihn ist mit dieser welthistorischen Sendung und der zu Tränen rührenden Kaiserhymne die Karriere zu Ende. Er wird vom Dienst mit sofortiger Wirkung freigestellt. Erst anderthalb Jahre später bekommt er sein Entlassungsschreiben: Er habe im Radio jüdische Sänger bevorzugt, erinnert sich Rudolf Henz.


Das alte Österreich war zu Ende

„Haydns Variationen aus dem Kaiserquartett hingegen haben unbeschadet den österreichischen Charakter bewahrt“, meint Artur Schuschniggs Sohn Heinrich. „Das bestätigte mir viel später ein mährischer Aristokrat mit tschechischem Pass, der in kommunistischer Zeit sein Leben als Mesner seines Dorfes fristete: ,Wir haben damals, noch in unserem Schloss, alle zusammen die Abschiedsrede Schuschniggs gehört. Beim Kaiserquartett konnte keiner mehr die Tränen zurückhalten. Es war uns plötzlich klar, dass das alte Österreich jetzt endgültig zu Ende gegangen war.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.03.2008)