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"Die Welle": „Das Projekt geriet außer Kontrolle“

(c) Die Presse (Clemens Fabry)
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Ron Jones hat 1967 als Highschool-Lehrer mit seinen Schülern ein Faschismus-Experiment gemacht: „Die Welle“. Der „Presse“ erzählt er, wie es ablief.

Die Presse: Sie initiierten in den 1960er-Jahren als Lehrer das Projekt der „Welle“. Wie kamen Sie auf die Idee?

Ron Jones: Ich unterrichtete in einer öffentlichen Highschool in Palo Alto, Kalifornien, und interessierte mich sehr für Simulationen. Ich wollte abstrakte Ideen lebendig machen. Um Kapitalismus zu lehren, sagte ich meinen Schülern, sie sollten Waren mitbringen und diese verkaufen, um Sozialismus zu lehren ließ ich sie Geld sammeln und verteilen. Die Schüler waren es daher gewohnt, dass ich Aktivitäten ins Klassenzimmer bringe um bestimmte Phänomene zu erklären. Daher dachte ich, bei Faschismus werde ich es ähnlich machen. Ich hatte das Projekt – wie alle anderen Projekte – für einen Tag angesetzt. Ich brachte den Schülern die Idee von Disziplin nahe, verdunkelte den Raum, spielte Musik von Wagner, ließ sie gemeinsam marschieren. Sie sollten erleben, wie es ist, sich als Teil einer Gemeinschaft zu fühlen.

Wie lange dauerte das Projekt? Wie stoppten sie es?

Jones: Es dauerte fünf Tage. Jeder Tag hatte sein eigenes Thema. Und jeden Tag wurde die Klasse größer. Es war wie ein Tornado – das Projekt geriet außer Kontrolle. Meiner Frau fiel auf, dass ich es zu sehr genoss. Ich mochte die Macht, die Ordnung, die Disziplin, die Aufregung. Auch den Schülern gefiel es, sie mochten das. Aber es entstand auch Gewalt: Manche Schüler fühlten sich überlegen, schlossen andere aus. Sogar Schüler einer anderen Schule wollten sich uns anschließen. Am fünften Tag setzte ich daher eine Versammlung an: Ich erzählte den Kindern von Hitler, vom dritten Reich. Sagte ihnen, dass wir nicht besser wären als Hitler oder die Deutschen. Wir sprachen auch über das Leugnen des Holocaust. Ich prophezeite den Schülern, dass sie, sobald sie die Versammlung verlassen hätten, nicht mehr über das Projekt sprechen würden – und das geschah auch.

Wie wirkte sich das Ende aus?

Jones: Da war viel Frustration auf Seiten der Schüler. Wir hatten einen Großteil des Vertrauens in uns selbst verloren. Die Würde, das Selbstvertrauen waren stark beeinträchtigt. Aber sie wurden auch sensibler für die Probleme anderer. Rassismus war damals ein Thema an unserer Schule. Und viele der Schüler, die an der Welle beteiligt waren, engagierten sich später gegen den Krieg (Vietnamkrieg, Anm.).

Es gibt jetzt eine neue Verfilmung der Welle. Haben Sie diese gesehen?

Jones: Ja und ich muss sagen, der Film ist viel besser als das Buch! Der Film ist aus der Perspektive junger Erwachsener erzählt, nicht aus der Perspektive des Lehrers. Der Film ist ein Geschichte über Jugendliche, über Freundschaft, über das Verweigern von Freundschaft über das Bestreben, Teil einer Gemeinschaft zu sein. Er handelt nicht nur von einer Krise namens „die Welle“, sondern von einer Krise namens „Leben“.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.03.2008)