Leipziger Buchmesse: Einmal Europa und nicht zurück

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Schwerpunktland der diesjährigen Leipziger Buchmesse, die vom 13. bis 16.März abgehalten wird, ist Kroatien. Über 40 Autoren dieses Landes bringen mediterranes Flair nach Sachsen.

Statt im Juni in Wien gegen sie zu ballestern, sollten wir vielleicht in Leipzig in der Disziplin Literatur gegen die Kroaten antreten. Denn Kroatien, das Schwerpunktland der diesjährigen Leipziger Buchmesse, die vom 13. bis 16.März abgehalten wird, ist auf dem grünen Rasen eine Großmacht, auf der literarischen Landkarte jedoch ein weißer Fleck. Nur einige wenige Namen wie Bora Cosic, Slavenka Draculic, Miljenko Jergovicoder Dubravka Ugresic sind darauf verzeichnet. Das soll sich nun ändern.

Tatsächlich hat sich in Kroatien seit dem Ende des Jugoslawien-Kriegs eine junge literarische Szene entwickelt, die das Abendlicht des Okzidents nicht zu scheuen braucht. Der Shootingstar und so etwas wie der Arno Geiger der kroatischen Literatur ist Igor Stiks. Im Roman „Die Archive der Nacht“ zeichnet der 1977 in Sarajewo geborene Autor ein historisches Panorama Jugoslawiens im vorigen Jahrhundert. Stiks schickt darin seinen Helden Richard Richter auf eine Odyssee von Paris über Wien in das belagerte Sarajewo, wo er das Ende Jugoslawiens erlebt.

Anders legt die 1975 geborene Zagreberin Ivana Sajko die Sache an. Die Heldin im Roman „Rio Bar“ erspürt den Krieg, der in ihrer Hochzeitsnacht beginnt, mit ihrem Körper. Ohne den Jugoslawien-Krieg von 1990 bis 1995 ist die heutige Literaturszene Kroatiens nicht zu verstehen. Doch der Krieg ist auch ihr Pferdefuß. Nicht, weil die jungen Literaten vornehmlich diese Jahre behandeln würden, sondern, weil sie sich bewusst vom Balkan weg in die Mitte Europas schreiben wollen. Wie Alida Bremer in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift „die horen“ meint, sind viele der jüngeren Autoren mehr an moderner Musik, am Film bzw. an internationaler Literatur interessiert als an der literarischen Verarbeitung der unmittelbaren kroatischen Vergangenheit.


Schluss mit Antikriegsliteratur

Stanko Andric, Tomica Bajsic, Vlado Bulic, Boris Dezulovic, Zoran Feric, Tatjana Gromaca, Simo Mraovic, Robert Perisic, Edo Popovic, Olja Savicevic, Roman Simic beschreiben in ihren Texten zwar eine Umbruchszeit, aber mit universellen Themen und mit postmodernem Formbewusstsein. Viele davon kann man in der im Schöffling Verlag erscheinenden Anthologie „Kein Gott in Susedgrad – Neue Literatur aus Kroatien“ kennenlernen. Gemeinsam mit dem kroatischen Kulturministerium hat auch der Grazer Styria Verlag eine Kassette herausgebracht, die elf Werke kroatischer Literatur enthält. Schmuckstück darin ist das „Epitaph eines königlichen Feinschmeckers“ von Veljko Barbieri. 19 neue Titel versammelt die „Kroatische Bibliothek“, die der Klagenfurter Wieser Verlag herausbringt. Mindestens 38 Autoren werden bei über 50 Lesungen mediterranes Flair nach Sachsen bringen.

Bereits zum vierten Mal werden die „Preise der Leipziger Buchmesse“ in drei Kategorien (Belletristik, Sachbuch, Übersetzung) vergeben. Die siebenköpfige Jury hat jeweils fünf Autoren dafür nominiert – in diesem Jahr bedauerlicherweise ohne Österreicher. Dabei stünde mit Martin Pollack ein herausragender Kandidat für mindestens zwei Kategorien zur Verfügung: als Romancier und als Übersetzer des im Vorjahr verstorbenen Autors und Journalisten Ryszard Kapuscinski.

Für Kroatien, den EU-Beitrittskandidaten Nummer eins, ist der Auftritt in Leipzig eine Chance, vom Balkan in die Mitte Europas zu rücken. Doch es fragt sich, ob nationale Schwerpunkte in einer globalisierten Welt sowie in einer EU, die zusammenwachsen lassen will, was zusammengehört, noch zeitgemäß sind.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.03.2008)