Trotz Rekordausgaben für das Militär sei China nicht in der Lage, einen „Feind mittlerer Größe“ zu besiegen.
WASHINGTON. Die Computer im Pentagon haben sie schon einmal geknackt und den E-Mail-Verkehr von hunderten Mitarbeitern lahmgelegt. Doch das ist schon die größte Bedrohung, die den Vereinigten Staaten nach eigenen Einschätzungen von China droht: In einem aktuellen Bericht spielt das US-Verteidigungsministerium die militärischen Kapazitäten und damit die von der Volksrepublik ausgehende Bedrohung für die Welt herunter.
Es werde mindestens noch zwei Jahre dauern, bis China eine „moderne Streitmacht aufbauen kann, die in der Lage ist, einen Feind mittlerer Größe zu besiegen“, heißt es in dem 50-seitigen Bericht „Military Power of the People's Republic of China“, der jetzt an den Kongress in Washington übermittelt wurde.
Bedeutend ist die Bewertung der amerikanischen Geheimdienste über die aktuelle Einsatzfähigkeit der chinesischen Truppen. Demnach hat das Land nicht die Fähigkeiten, um einen Bodenkrieg gegen die von der Volksrepublik beanspruchte Insel Taiwan zu führen. China könne bis 2015 nicht einmal kleinere militärische Einheiten in weit entfernte Gebiete entsenden und dort versorgen; größere Einheiten werde Peking erst im darauf folgenden Jahrzehnt in Kämpfen in entfernten Gegenden einsetzen können.
Versteckte Militärausgaben
Doch „militärische Eventualitäten“ in der Taiwan-Straße mit einer möglichen Intervention der US-Streitkräfte scheinen laut Pentagon ein „wichtiger Motivator“ bei den chinesischen Modernisierungsplänen zu sein, glauben die amerikanischen Militäranalytiker.
Ausführlich beschäftigt sich das Pentagon mit der massiven Aufrüstung in dem ostasiatischen Land. Offiziell gab China für 2008 Militärausgaben in Höhe von 37,5 Milliarden Euro zu, fast 18 Prozent mehr als noch 2007. Damit hat China nach den USA die höchsten Rüstungsausgaben der Welt. Inoffiziell dürften die Zahlen freilich noch weit höher liegen. Das US-Verteidigungsministerium schätzt, dass Peking allein im vergangenen Jahr bis zu 140 Milliarden Dollar in sein Militär investiert hat.
Wann kommt der erste Träger?
Mit dem Geld soll die Zwei-Millionen-Armee zu einer technisch modernen und schlagkräftigen Truppe geformt werden. Dafür werden beispielsweise U-Boote aus Russland angekauft (insgesamt zwölf Boote der Kilo-Klasse). Zudem arbeiten die Chinesen fleißig am Bau eines Flugzeugträgers. Doch Pekings Hoffnung, bis 2010 den ersten Träger in Dienst stellen zu können, teilen die Amerikaner nicht: Einsatzfähig sei der vermutlich erst „2020 oder später“.
Mit dem Auf- und Ausbau seiner Kriegsmarine beabsichtigt China offenbar, seine Energieversorgung über die Weltmeere zu sichern. Derzeit „ist Peking weder in der Lage, militärische Macht einzusetzen, um seine ausländischen Energieinvestitionen zu sichern, noch die Seewege gegen Störungen zu verteidigen“. Wegen dieser Verwundbarkeit lege China strategische Ölreserven an, die heuer 100 Millionen Barrel erreichen werden; das entspricht etwa den Importen von 25 Tagen.
Die überraschende Machtdemonstration im Weltall Anfang 2007, als China einen eigenen veralteten Wettersatelliten abschoss, sei nur ein Anfang gewesen. Das Land arbeite auch an Laser-Waffen, um feindliche Satelliten unschädlich zu machen.
Die größte Bedrohung für die USA dürfte freilich die rasche wirtschaftliche Modernisierung Chinas sein und der damit verbundene Energiebedarf. Bis 2015 werde der Ölverbrauch des Landes um 60 Prozent steigen.
AUF EINEN BLICK
Das Pentagon macht – wie einst zur Sowjetarmee – jährlich eine Einschätzung der Militärmacht der Volksrepublik China. Zwar kritisiert es die mangelnde Transparenz der Pekinger Sicherheitspolitik, schätzt die militärischen Fähigkeiten Chinas aber noch als bescheiden ein.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.03.2008)