Erinnerung, ein Heldenplatz

Man soll sich über einen bekehrten Sünder mehr freuen als über 99 Gerechte.

Die Erinnerung an 1933 ff. ist noch heiß, das zeigt die flackernde Debatte über Opfer, Täter etc. Man gestatte einem Nichthistoriker ein paar Anmerkungen.

1)Natürlich kann ein Täter auch Opfer sein und umgekehrt. Das ist gar nicht selten. Wenn z.B. ein Mafiaboss das Opfer eines Anschlags wird, wird man wohl zu Recht annehmen, dass er davor mindestens einmal ein Täter gewesen ist. Trotzdem ist er ein Opfer, Rechnungen à la „2 x Täter minus 1 x Opfer = 1 x Täter“ sind sinnlos.

2)Das Wort „Opfer“ hat seine Tücken – auch wenn die naheliegende Etymologie nicht stimmt: „Opfer“ kommt von „operari“ (arbeiten), nicht von „offerre“ (darbieten). Dennoch impliziert der religiöse Konnex eine Freiwilligkeit und Gottgefälligkeit dessen, der ein Opfer bringt. Wobei dieses im Allgemeinen nicht gefragt wird, siehe die erschreckende Geschichte von der Opferung Isaaks. In „Joseph und seine Brüder“ schlägt Thomas Mann übrigens eine humane Auflösung des Isaak-Mythos vor: Jakob, der seinen Sohn Joseph für tot hält – während dieser in Wahrheit aus der Grube erstanden und zu Pharaos Statthalter avanciert ist –, sublimiert seine Trauer, indem er sich mehr und mehr einbildet, er habe Joseph seinem Gott freiwillig zum Opfer gebracht, nach Abrahams Vorbild. Wer würde solche Vergangenheitsbewältigung hartherzig als „Lebenslüge“ geißeln?

3)Geschichte wird gemacht, auch im Rückblick. Jeder bearbeitet, redigiert seine eigene Geschichte im Licht seiner Gegenwart; das ist auch das Problem von „oral history“. Harmloses Beispiel: Wenn alle Menschen, die erzählen, dass sie sich das erste Album von „Velvet Underground“ vor 1970 gekauft haben, das wirklich getan hätten, wäre dieses ein Bestseller gewesen. War es aber nicht.

Solche Korrekturen eigener Vergangenheit können auch Ausdruck der Reue sein. Wenn einer sich etwa im März 1938 zum Jubeln verleiten ließ, sich heute dafür geniert und lieber erzählt, er habe sich den Heldenplatz-Irrsinn mit Skepsis angesehen – muss man ihn einen Lügner schimpfen?

4)Man soll sich im Sinn von Lukas 15,7 gelegentlich über einen bekehrten Sünder mehr freuen als über 99 Gerechte. Es kommt immer auch darauf an, wer was sagt. Wenn bei einer SP-Gedenkveranstaltung zum Februar 1934 ein Redner die Ausschaltung des Parlaments durch Dollfuß als „dramatischen Fehler“ bezeichnet, werden seine Genossen mit diesem Understatement unzufrieden sein. Wenn es aber der VP-Klubobmann so formuliert, dann darf ihm auch ein Sozialdemokrat dafür Respekt zollen.

5)So heroisch der Bachmann-Spruch von der dem Menschen zumutbaren Wahrheit klingt, man sollte ihn nicht überstrapazieren. Auch wenn sich die Historiker einig sind, dass das Dollfuß-Regime faschistische Züge trug, muss man nicht bei jeder Gelegenheit einem ÖVPler das Wort „Austrofaschismus“ entgegenschleudern. Dafür darf man von diesem erwarten, dass er darauf verzichtet, den Ständestaat zu verharmlosen.

6)Man kann sich nicht selbst entschuldigen, nur um Entschuldigung bitten. Und Entschuldigung gewähren kann genau genommen nur die Gesamtheit aller, an denen man schuldig geworden ist, was unmöglich ist, wenn ein Gutteil von diesen schon tot ist. Trotzdem ist der Gestus der Entschuldigung ein wertvolles Ritual im Umgang mit der Geschichte.


thomas.kramar@diepresse.com("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.03.2008)

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