Gelée royale beeinflusst die Methylierung von Genen – zumindest wirkt es so.
Auch wenn es wohl nicht, wie Wellness-Händler behaupten, gegen Falten hilft oder „den negativen Begleiterscheinungen der Wechseljahre des Mannes entgegenwirkt“ – Gelée royale ist eine ganz besondere Substanz. Sie induziert soziale Ungleichheit, mehr noch: Sie krönt.
Bienen jedenfalls. Die ersten drei Tage werden alle Bienenlarven im Stock mit Gelée royale gefüttert, dann fällt die Entscheidung, nach welchen Kriterien, das weiß man nicht: Nur eine Larve, nämlich die zukünftige Königin, erhält weiter das königliche Gelee; der Rest, also die zukünftigen Arbeiterinnen und/oder Sammlerinnen, wird auf eine Pollen-Honig-Mischung umgestellt, auf „less sophisticated food“, wie Forscher um Robert Kucharski (Australian National University) in Science (13.3.) schreiben.
Was macht es so „sophisticated“? Zucker ist drin (bis zu 23 Prozent), Wasser natürlich auch, diverse Aminosäuren, die Vitamine B1, B2, B3, B5, B6, B7 und B9, einige andere den Biochemikern gut bekannte Verbindungen (z.B. Biopterin), Mineralstoffe, Spurenelemente sowie 4-hydroxy-Benzoesäuremethylester als natürliches Konservierungsmittel. Klingt wie ein guter Multivitaminsaft, aber nichts in der Liste scheint speziell dafür geeignet, die Entwicklung in Richtung Königin loszutreten. Da muss noch etwas Besonderes drin sein: In diesem Sinn nennen Kucharski etal. das Gelee „largely biochemically uncharacterized“.
Jedenfalls muss es die Expression von Genen nachhaltig beeinflussen. Der Verdacht auf „Epigenetik“ liegt nahe. Davon spricht man, wenn die DNA-Sequenz der Gene zwar gleich bleibt (wie im Normalfall immer im Leben eines Individuums), aber DNA-Basen chemisch modifiziert werden, durch An- oder Abhängen von kleinen Molekülen, oft Methylgruppen. Dadurch wird die Expression der Gene dauerhafter verändert als im biochemischen Alltag – nämlich so, dass die Veränderung von einer Zellgeneration auf die nächste weitergegeben wird.
Genau eine solche Methylierung scheint das Gelée royale zu verhindern. Das zeigten die Forscher, indem sie in den Bienenlarven ein Gen, das globale Methylierung der DNA bewirkt, die DNA-Methyltransferase 3 (Dnmt3), ausschalteten. Das hatte (fast) den gleichen Effekt wie Gelée royale: 72 Prozent der so behandelten Larven wurden Königinnen, von den unbehandelten Larven entwickelten nur 23 Prozent königliche Züge. Ob und wie Gelée royale das Dnmt3 ausschaltet, ist allerdings völlig ungeklärt.
Dnmt3 kommt auch bei Säugetieren wie Menschen vor, aber nicht bei den anderen Insekten, deren Gene man bereits kennt. Eine Parallele zwischen Mensch und Biene, die zu – freilich unhaltbaren – Spekulationen inspiriert: Vielleicht gibt es einen besonderen Saft, der den Konsumenten schon im Sandkistenalter unweigerlich in Richtung höhere politische Weihen treibt...
("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.03.2008)