ANALYSE. An den Börsen herrscht Depression.
Nur eineinhalb Tage hat die gewaltige Injektion dem Patienten Leben eingehaucht. Jetzt liegt er wieder darnieder: Am Donnerstag herrschte an den Börsen tiefste Depression, die wichtigsten Indizes lagen am Nachmittag tief unter Wasser.
Dabei hatten die Finanzmärkte auf die dieswöchige Ankündigung der US-Notenbank Fed, 200 Mrd. Dollar ins Finanzsystem zu pumpen, mit riesigen Kurssprüngen nach oben reagiert. Beobachtern war klar, dass die Börsianer damit übertrieben hatten. Aber dass der Rückschlag so schnell kommen würde, war doch überraschend.
Das Problem: Die Riesenfinanzspritze der Fed kam dem kränkelnden Finanzsektor zwar sehr gelegen, er lieferte aber auch ein inferiores Signal, das den Börsianer offenbar mit eineinhalb Tagen Verspätung so richtig dämmerte: Die Finanzkrise ist viel tiefer, als viele glauben. Und die Fed rechnet mit dem schlimmsten.
Konkret hatte die Notenbank ja angekündigt, sie werde für die Milliarden, die zusätzlich in den Finanzkreislauf gepumpt werden, auch Subprime-Papiere als „Sicherstellung“ akzeptieren. Das heißt stark vereinfacht ausgedrückt, die Notenbank druckt frisches Geld und kauft damit den Not leidenden Banken ihren wertlosen Subprime-Mist ab.
Abgesehen davon, dass damit der Grundstein für stark inflationäre Tendenzen in den kommenden Jahren gesetzt wird: Ein derartiges Vorgehen wird auch als Signal für ernste Panik in der US-Notenbank gewertet. Eine normale Reaktion auf Finanzmarktprobleme sei das jedenfalls nicht.
Tatsächlich sind in den vergangenen Tagen in der US-Finanzbranche Gerüchte aufgetaucht, die Fed stemme sich mit dieser Maßnahme gegen einen befürchteten „Meltdown“, also eine Art Finanz-Supergau der Marke „1929“. Und der Markt reagiere entsprechend darauf, anstatt die Milliarden als Treibsatz für einen Börsen-Rebound zu nehmen.
Der nächste Pfeil im Köcher ist jedenfalls die anstehende weitere Senkung der US-Zinsen um 0,5 bis 0,75 Prozentpunkte. Das Problem dabei: Die wird allgemein erwartet – und ist deshalb in den Kursen praktisch schon eingepreist.
AUF EINEN BLICK
Die Geldinjektion der US-Notenbank Fed im Volumen von 200 Mrd. Dollar ist an den Börsen schon nach eineinhalb Tagen wirkungslos verpufft.
Börsianer hoffen jetzt auf eine deftige Zinssenkung – die in den Aktienkursen aber bereits eingepreist sein dürfte.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.03.2008)