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"Die Welle": „Die kämpfen für ihre Überzeugungen“

(c) Constantin Film
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Jürgen Vogel spielt den Lehrer im heute anlaufenden Remake des Schulversuch-Klassikers „Die Welle“. Ein Gespräch über das Bild der Jugend und totalitäre Tendenzen.

Die Presse: Herr Vogel, Haben Sie das Buch „Die Welle“ gelesen?

Jürgen Vogel: Nein.

 

War das noch keine Pflichtlektüre bei Ihnen in der Schule?

Vogel: Nein. Ich weiß nicht, warum.

Ist die Behauptung des Buchs, dass eine Autokratie jederzeit an jedem Ort entstehen kann, heute noch genauso gültig wie damals?

Vogel: Diese Frage ist immer interessant. Vielleicht wird „Die Welle“ in 30 Jahren nochmal verfilmt. Man denkt immer, man ist weiter und es kann einem nicht mehr passieren – und wird immer wieder eines Besseren belehrt.

Wie haben Sie den Lehrer, der aus der linken Szene kommt, angelegt?

Vogel: Wir haben uns seine Geschichte überlegt: Wie er über den zweiten Bildungsweg Lehrer wurde und daher einen kleinen Bildungskomplex hat. Er kann wahnsinnig gut mit den Schülern und der Klasse umgehen, war aber von den Leistungen her nie der Beste.

 

Hatten Sie gute Lehrer?

Vogel: Ich hatte ein paar ganz gute Lehrer, zum Glück wurde ich da nicht versaut. Im Film bin ich wie der Lehrer, der mir der liebste war.

Eine gegenkulturelle Figur. Das Spiel mit der politischen Linken ist im deutschen Film ja sehr in Mode.

Vogel: Ich fand das spannend, dass einer, der links orientiert ist, ein Experiment zum Thema Autokratie macht und von der Eitelkeit der Macht verführt wird. Als linksliberaler Mensch meint man ja, dass einem so etwas nicht passieren kann. Doch wir wissen, dass das totaler Quatsch ist: Viele linke Intellektuelle haben sich plötzlich der rechten Szene verschrieben.

 

Das Potenzial zum Totalitarismus ist also immer da. Oder ist das – wie in „Die Welle“ – an Jugendliche gebunden, die beeinflussbarer sind?

Vogel: Nein. Die Älteren sind genauso davon fasziniert. Das hat viel mit Sehnsüchten und Defiziten zu tun. Wir haben ja gerade wieder eine Diskussion über Jugendliche: Orientierung wie Desillusionierung spielen sicherlich auch mit hinein, aber diese Manipulation ist immer möglich.

Man kann diese Gefahr also nicht eindämmen?

Vogel: Man kann Dinge verhindern, aber dazu muss man eine Gesellschaft groß ziehen, die auch zu sich selbst kritisch ist.

Kann Ihr Film dazu beitragen?

Vogel: Das hoffe ich! Ich hoffe, dass man sich Gedanken macht und erkennt, dass man, obwohl vielleicht alles stabil scheint, nicht vor Manipulation gefeit ist.

 

Ist der Knall am Schluss wichtig dafür? Das Original endete anders.

Vogel: Ich finde ihn dramaturgisch wichtig, da sich die Welt verändert hat. Brutalität, Konsequenz und die Möglichkeit von Gewalt – all das hat sich geändert. Das muss auch in einem Film eine Rolle spielen, in dem es um die Faszination von Konformität geht. Der kann kein glatt geschliffenes Ende haben. Die negative Konsequenz dieses Verhaltens ist eine Grundaussage, die ich gut finde.

 

„Die Welle“ erscheint zu einer Zeit, in der Jugendliche in den Medien beinahe täglich diskutiert werden.

Vogel: Wie die Jugendlichen mit Migrationshintergrund! Das ist so ein Unwort! Was soll das heißen?

 

Im Film spart man die meisten negativen Klischees zur Jugend aus.

Vogel: Es geht ja auch nicht darum, ein Potpourri zu machen. Anhand von ein paar Fällen wird Jugendkriminalität medial diskutiert: Es gibt doch einen Haufen anderer junger Leute, die nicht so medientauglich sind. Der Film zeigt einen guten Durchschnitt. Es geht nicht darum, einen Problemfilm zu machen. Man muss sich nur die Globalisierungsgegner anschauen: die Bewegung wird zum Großteil von Jugendlichen getragen. Das sind keine aggressiven Loser, die kämpfen für ihre Überzeugungen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.03.2008)