USA: „Kein US-Interesse an Südamerika“

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Außenministerin Rices Besuch beschränkt sich auf Brasilien und Chile. „Südamerika spielt in der Bush-Präsidentschaft keine wichtige Rolle“, erklärt Leonardo Martinez-Diaz, Lateinamerika-Experte.

Washington. Nur gut, dass es kaum eine Zeitverschiebung zwischen Washington und São Paulo gibt, sonst würde Condoleezza Rice nicht mehr aus dem Jetlag kommen. Gerade einmal zwei Tage lang reist die US-Außenministerin seit gestern durch Südamerika. Das zeigt zweierlei: Einmal das schwindende Interesse der USA an dem Subkontinent; andererseits den Mangel an Verbündeten.

Nur Brasilien und Chile stehen auf dem Reiseplan der Ministerin. „Südamerika spielt in der Bush-Präsidentschaft keine wichtige Rolle“, erklärt Leonardo Martinez-Diaz, Lateinamerika-Experte beim Brookings-Institut in Washington. Die USA hätten das Interesse an den südlichen Nachbarn verloren.

Das zeigte sich deutlich beim jüngsten Grenzkonflikt zwischen Ecuador und Kolumbien. Früher hätten die USA über die Organisation amerikanischer Staaten (OAS) vermittelt, jetzt habe man den Konflikt auf regionaler Ebene gelöst. „Hugo Chávez versucht das Vakuum zu füllen, das die USA hinterließen.“ Beim Grenzkonflikt habe der Präsident Venezuelas die Krise erst angestachelt, um dann als Problemlöser aufzutreten.

Blamierte USA

Die Vereinigten Staaten, die früher die OAS dominierten, habe man wiederholt übergangen. So seien die USA schwer blamiert worden, als man ihnen mit Hinweis auf US-Praktiken einen Sitz im Menschenrechtsausschuss der Organisation verwehrte.

Auch wirtschaftlich versuche Chávez den Einfluss der USA mit der von ihm initiierten „Bank des Südens“ zurückzudrängen. Dieses Institut soll die Rolle der Weltbank und des Währungsfonds in Südamerika übernehmen.

Der für die USA wichtigste Partner sei naturgemäß der Nachbarstaat Mexiko. Doch selbst hier seien die bilateralen Beziehungen nach den Anschlägen vom 11. September in den Hintergrund getreten. „Bush hat einfach andere außenpolitische Interessen.“ Er, Martinez-Diaz, hoffe, dass der nächste Präsident wieder an engeren Beziehungen zu Südamerika interessiert sei.

Beim Besuch Rices geht es unter anderem um eine engere Kooperation mit Brasilien bei Biotreibstoffen. In Chile wird die Außenministerin mit Präsident Michelle Bachelet zusammentreffen. Die Grenzkrise in Kolumbien, einem engen Partner der USA, werde zweifellos debattiert werden, aber den Besuch nicht dominieren, hieß es im US-Außenamt. Die Reise sei lange vor dem Zwischenfall geplant worden.

Auffallend übergangen wird Argentinien, zu dem sich die Beziehungen zunehmend abkühlen. Die Hoffnungen auf eine US-freundlichere Politik unter Argentiniens neuer Präsidentin, Cristina Fernandez de Kirchner, zerschlugen sich kurz nach ihrer Wahl im Oktober. Argentinien rückte stattdessen enger an Venezuela.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.03.2008)

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