Kollaps: Bear Stearns erstes Opfer der Finanzkrise

Die Liquiditätssituation hat sich binnen 24 Stunden massiv verschlechtert. Fed und JP Morgan geben Geldspitze.

New york (ag). Das Eis, auf dem sich das Finanzsystem bewegt, ist sehr dünn. Wie dünn, zeigte sich am Freitag mit einem Paukenschlag: Die fünftgrößte US-Investmentbank Bear Stearns konnte nach einem Alarmschrei, dass sich ihre Liquiditätssituation binnen 24 Stunden massiv verschlechtert habe, nur durch eine Geldspitze der Notenbank des Staats New York und von JP Morgan vor dem Kollaps gerettet werden.

Die Fed und JP Morgan stellen Bear Stearns kurzfristig Geld für bis zu vier Wochen zur Verfügung, teilte JP Morgan Chase mit. Bis dahin solle die Investmentbank eine dauerhafte Sicherung ihrer Liquidität finden.

Diese Hiobsbotschaft tat den Aktienkursen dies und jenseits des Atlantiks nicht gut. Die Aktien von Bear Stearns rasselten an der Wall Street zeitweise um bis zu 50 Prozent herunter – auf den tiefsten Stand seit über zehn Jahren. Im Schnitt lag das Papier um 37 Prozent im Minus. Auch der Dow Jones Index reagierte mit Kursabschlägen, konnte sich im Handelsverlauf aber wieder etwas erfangen.

Schon in den vergangenen Tagen kursierten wiederholt Gerüchte, dass Bear Stearns Liquiditätsprobleme habe. Im letzten Quartal 2007 hatte die Investmentbank einen Verlust von 854 Mio. Dollar ausgewiesen – den ersten in ihrer Geschichte. Die hohen Kosten zur Absicherung von Schulden und die wertlosen Subprimes ließen auch für das erste Quartal 2008 nicht gutes erwarten. Die Zahlen werden nächste Woche vorgelegt. Bear-Stearns-Chef Alan Schwartz hatte die Gerüchte noch zu Beginn dieser Woche als „absolut lächerlich“ zurückgewiesen.

Andere Banken im Blickfeld

Mit Bear Stearns steht die erste Großbank vor dem Abgrund. Und jetzt geht die Panik um. Hatten sich die Börsianer in den letzten Tagen noch an jeden Strohhalm geklammert, konkret an jede Äußerung – etwa jene von Standard & Poor's – dass das Ärgste schon überstanden sei, so hat die Fast-Pleite von Bear Stearns solche Hoffnungen zerstört. Mit Hochspannung wird nun auf die Quartalsergebnisse der anderen US-Großbanken Lehman Brothers, Goldman Sachs und Morgan Stanley gewartet. Und der Pessimismus wächst. „Selbst wenn die Banken positiv überraschen sehe ich nur kurzfristig Erholungspotenzial. Der Vertrauensverlust ist einfach zu groß“, sagt Michael Köhler, Aktienstratege bei der deutschen Landesbank Baden Württemberg (LBBW).

Die Fed, die ohnehin aus allen Rohren feuert und erst zu Anfang dieser Woche – allerdings mit wenig Erfolg – 200 Mrd. Dollar in das Finanzsystem gepumpt hat, ist weiter gefordert. Am Dienstag ist die nächste Zinssenkung angesagt, so gut wie sicher gilt ein massiver Sprung um 75 Prozentpunkte auf 2,25 Prozent.

Fed öffnet den Geldhahn

Nach der Bear-Stearns-Aktion hat die Fed signalisiert, sie werde den Märkten falls notwendig weiterhin unter die Arme greifen. „Die Federal Reserve beobachtet die Marktentwicklung genau und wird weiterhin Liquidität zur Verfügung stellen, um ein geordnetes Funktionieren des Finanzsystems zu unterstützen“, teilte die US-Notenbank am Freitag mit. Experten geben allerdings zu Bedenken, dass „das Spiel nicht ewig so weiter gehen kann“ (Barco Bargel, Chefvolkswirt der Postbank).

AUF EINEN BLICK

Die Investmentbank Bear Stearns kann nur durch eine Geldspitze der US-Notenbank Fed und von JP Morgan vor dem Kollaps gerettet werden.

Die US-Notenbank hat diese Woche schon 200 Mrd. Dollar in den Finanzmarkt gepumpt und will weiter Geld geben.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.03.2008)

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