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Onkel Paul

Ein ernster Einzelgänger. Oder doch eher fröhlich wie seine Mutter? Distanziert, sehr fleißig. Und zugleich immer von schönen Frauen umgeben? Zum ersten Todestag: mein Onkel Paul Watzlawick – Versuch einer Annäherung.

Durch weiße Rauchkringel betrachte ich Tante Oda, die mir im gemütlichen braunen Lederpolstersessel gegenübersitzt und lebhaft erzählt. Die Lieblingscousine von Onkel Paul ist auch schon Mitte 80. Sieht man ihr nicht an. Viel habe ich schon von ihr gehört, nun sehe ich sie zum ersten Mal. Stil hat sie, wie die schönen Biedermeiermöbel, die im Wohnzimmer stehen. Klassisch – mit großperliger Kette, dazupassenden Ohrringen und schwarz-weißem Kleid. Eine Fasche am rechten Arm. Bejahrter Tennisarm. Die weiß-graue Frisur erinnert mich an die Mittelmeerwellen der Urlaube meiner Kindheit.

„Ich erinnere mich – als Kinder freuten wir uns immer auf die Besuche in Villach bei der Tante. Ich habe Tante Emy heiß geliebt, es war immer eine Hetz bei ihr. Sogar Polsterschlachten durfte man machen bei ihr, stell dir vor! Das hat meine Mama nie erlaubt. Einmal, es war Saisonende, ging ich mit Paul ins Bad. Keiner war mehr da, die Trennvorhänge hingen noch herum. Wir liefen in die leeren Becken. Da fragt mich Paul: ,Willst du was hören?‘ Ich sage: ,Ja, was ist es denn?‘ Da beginnt er eine Schreierei, so laut, dass ich mir die Ohren zugehalten habe! Ich habe dann mitgeschrien, bis wir nicht mehr konnten! Mit Paul war es immer lustig. Maria, deine Oma, war eher ruhiger.“

Onkel Paul hat Tante Oda und mich schließlich zusammengebracht. „Paul Watzlawick 1921–2007“ stand auf einmal in der Zeitung. Ich sitze im Auto Richtung burgenländischer Pampa, wo mein nächstes Ausbildungsmodul einer Watzlawick-Schülerin stattfindet, und Onkel Paul stirbt. Ich verschlinge am Wochenende ein Buch von Heinz von Förster, einem seiner besten Freunde, und Onkel Paul stirbt. Ich entdecke den Konstruktivismus, und der Konstruktivist stirbt.

„Pauli! Er war immer der Pauli“, sagt meine Großmutter, die ältere Schwester von Pauli. Wie er so war, der Onkel in Amerika? „Keine Rede von laut! Auf Ideen zu Lausbubenstreichen ist der wahrscheinlich gar nicht gekommen. Er war ein ernster Mensch, immer interessiert. Pauli war nicht der große Spieler, oben auf dem Dachboden ist er viel gesessen. Allerhand Schreiberei hat er dort gemacht und Astrologie. Das hat ihn interessiert. Er war eher ein Einzelgänger. Da drüben, im Haus gegenüber, im Perau-Gymnasium, hat er maturiert. Ein gescheiter Bursche war er. In gewisser Weise hab ich ihn auch bewundert und war manchmal eifersüchtig auf ihn.“

Ich sitze mit Oma wieder einmal in Villach bei Tee und Schokoladenkuchen. Heute frage ich sie das erste Mal näher nach ihrem Bruder, Onkel Paul. Sie kramt in ihren Erinnerungen. Manche Antworten kommen prompt, und sie lacht – offensichtlich treten die Bilder der Vergangenheit vor ihre Augen.

Was hat er gelesen? „Das weiß ich nicht mehr. Aber ich habe ja viele Fotos, schaun wir einmal.“ Langsam, aber zielsicher wendet sie sich zur untersten Lade der Nussholzkommode im Wohnzimmer und entnimmt ihr ein schwarzes Album. Einige kleine Schwarz-Weiß-Fotos fallen heraus. „Da hat er seine Lederhose an. Die hat er viel getragen. Da steht er vorm Motorrad. Eigentlich war er gar nicht sportlich. Kein Skifahren, stell dir vor! Und kein Mädchen, kein Tanzkurs, nein. Da steht er mit Mama.“

Großmutters Augen verweilen auf dem Bild. Noch immer braucht sie keine Brille. Paul Watzlawick hatte ein sehr gutes und enges Verhältnis zu seiner Mutter, Emy. Das Schreiben – sie hat gedichtet – und die Sprachen hat er von ihr geerbt. Sein italienischer Großvater dichtete sogar zweisprachig. Der war als Holzhändler nach Villach gekommen, die Tochter Emy war italienische Staatsbürgerin, sie wuchs zweisprachig auf. Ihren Mann, auch Paul, lernte sie im Parkhotel in Villach kennen. Er war damals Direktor einer Bankfiliale und neun Jahre älter. „So gute Eltern, wie ich sie gehabt habe, so anständig, so lieb“, erinnert sich die Großmutter. „Ihre Ehe war so natürlich, einfach und selbstverständlich! Pauli hat mir einmal geschrieben, er hat in seinem ganzen Leben und in seiner Praxis nie eine solche Ehe kennengelernt.“

Ich lese Paul Watzlawicks Bücher: „Der radikale Konstruktivismus bestreitet die menschliche Fähigkeit, eine objektive Realität zu erkennen. Jeder Einzelne ,konstruiert‘ sich vielmehr seine wahrnehmungsbasierte subjektive Realität im eigenen Kopf.“ Ich beschließe, Onkel Kurt, Paul Watzlawicks Cousin, zu besuchen. Onkel Kurt wohnt in Mödling. Er hat Biologie studiert und kennt die Pflanzen wie seine Westentasche. Am liebsten spaziere ich mit ihm und seiner Frau, Traute, zur „Krausten Linde“ im Wienerwald, da essen wir dann die beste Topfentorte. Wie hat er Paul in Erinnerung?

Kurt wirft die hohe Stirn unter dem vollen weißen Haar in Falten. Die Antwort kommt nicht sofort. „Pauli war immer etwas in sich gekehrt, er hatte nicht ein so offenes und fröhliches Wesen wie seine Mutter, Emy.“ Nach dem Philosophiestudium wohnte Onkel Paul ein Jahr bei den Eltern von Onkel Kurt in Mödling. Kurts Bruder, Erich, war schon außer Haus, und so gab es Platz für ihn. Onkel Paul hat in Wien ein Jahr Psychologie studiert, aber die Wiener Schule hat ihn nicht ausgefüllt. Er ging zu Jung in die Schweiz.

Onkel Kurts Stirn schiebt sich wieder nach oben: „Auf dem Dachboden haben wir viele Sachen gehabt. Pauli meinte: ,Das ist alles unnötig, das nehmts ja nimmer in die Hand. Das hauen wir jetzt weg.‘ Und hat's prompt beim Fenster rausgeworfen! Meine Mutter hat manchem Stück nachgetrauert.“ Traute, Kurts Frau, erinnert sich auch an Onkel Paul: „Einmal, als er in den Achtzigern nach Wien kam, besuchte er uns nach einem Vortrag. Er erzählte, dass er so gerne einen Löwenschweif hätte, um ihn elegant um den Arm zu hängen. Er führte es uns vor. Stand vom Stuhl auf, wandte den Oberkörper mit der rechten Schulter voraus nach links und griff mit der rechten Hand elegant nach hinten zu seinem imaginären Schweif. Er schlang ihn liebevoll auf den linken Unterarm und streichelte mit der Hand darüber. Dabei schüttelte er selbstbewusst den Kopf.“ „Typisch Pauli“, meint Onkel Kurt. „Selbstbewusst und ein bisschen skurril.“

„Im Grunde seiner Seele war Paul Italiener“, sagt Tante Oda. Was meint sie genau damit? Tante Dagmar, die Schwester meiner Mutter berichtete einmal: „Als ich Onkel Pauls Buch ,Anleitung zum Unglücklichsein‘ las, erinnerte mich der Sprachrhythmus frappant an den von Emy. Der Wortwitz war italienisch, nicht das Tiefschürfende – das war deutsch.“ Vor ein paar Jahren war Tante Dagmar in Palo Alto zu Besuch bei Onkel Paul. Er nahm sie zu Heinz von Förster mit, den er öfter besuchte. Tante Dagmar erzählt: „Auf dem Weg zu Heinz haben wir uns unterhalten, und ich meinte: Das Buch, das mir von dir am besten gefallen hat, ist ,Die Möglichkeit des Andersseins‘. Paul hielt inne und war ganz überrascht. Und sagte: ,Mir auch.‘“ Warum wurde Onkel Paul berühmt? frage ich. Tante Dagmar kannte ihn ganz gut, sie hat ihn öfter besucht, einiges von ihm gelesen und sich mit psychologischen Themen beschäftigt: „Er war sehr liebenswürdig und unaufdringlich. Distanziert. Und sehr fleißig. Er machte viele Forschungsprojekte zu verschiedensten Kommunikationsthemen, hielt viele Vorträge und hat viel geschrieben. Als Junger interessierte er sich für den zerbrochenen Spiegel als Sinnbild für gespaltene Persönlichkeiten.“ Beim Militär hat Onkel Paul die Dolmetschprüfung abgelegt, die er neben der Ausbildung in Zürich als Dolmetsch für die WHO in Rom nutzte. Er unterrichtete auch am Goethe-Institut in München, um finanziell über die Runden zu kommen.


Analyse und Yoga

Tante Dagmar erinnert sich, wie er eines Tages mit einer feschen Münchnerin in einem Fiat 800 nach Kärnten kam: „Er hat ein umwerfendes Lachen und immer schöne Frauen gehabt.“ Als Onkel Paul mit dem Analytikerdiplom bei Jung in Zürich fertig war, musste er feststellen, dass er in Österreich nicht viel damit anfangen konnte. Er diskutierte mit Dagmars Vater, ob er noch Medizin studieren sollte. Er tat es nicht. In den Fünfzigern ging er nach Indien, hörte die Lehren von Jiddu Krishnamurti und machte Yoga. „Er hat Emy einen wunderschönen blauen Sari mitgebracht, ich sehe ihn noch vor mir!“, schwärmt Tante Dagmar. „Er lag in der untersten Lade im Buffetschrank und hat mich immer magisch angezogen.“

Er konnte auch sehr pragmatisch sein, fällt ihr ein: „Einmal hat er mir erzählt, dass er in seiner Zeit in San Salvador einen Fall rasch abschließen musste. Es ging um Waschzwang. Da riet er dem Patienten, alles zu verbrennen. Im Nachhinein dachte er sich dann: eigentlich eh im Sinne einer Kurztherapie.“ In San Salvador hörte er wohl von dem „Nest“ in Kalifornien um Margret Mead, Fritz Pearls, Gregory Bateson, Milton Erickson und den anderen. Onkel Paul nahm Kontakt mit ihnen auf und erhielt eine Zusage. Als er dort aber vor der Tür stand, hatte keiner eine Ahnung, und keiner wollte ihn haben. Er musste wieder von dannen ziehen und ging rund ein Jahr nach Philadelphia, wo er mit Delfinen arbeitete. Danach konnte er in Kalifornien als Forschungsbeauftragter am Mental Research Institute beginnen.

„Gedichte von Emy Watzlawick“. Vor mir liegt ein kleines Büchlein mit den Gedichten, die Pauls Mutter in ihrem sechsten Lebensjahrzehnt verfasst hat. Meine Mutter hat die Originalschriften ihrer geliebten Großmutter Emy ins Reine geschrieben und die Themenkreise festgelegt. Onkel Paul schreibt zum Geleit: „Welch ein Erlebnis, fast 36 Jahre nach ihrem Tod zum ersten Mal die Gedichte meiner Mutter zu lesen. Es mag überraschen, dass ich nicht einmal wusste, dass sie dichtete – und viel mehr noch, wie reich und schön ihre innere Welt war!“ Meine Mutter hat den Gedichtschatz geborgen und poliert. Wenn sie von ihrer Großmutter Emy spricht, kommen ihr manchmal die Tränen. „Wenn wir bei ihr waren, hat sie uns immer mit Begeisterung die Briefe von Onkel Paul gezeigt und vorgelesen, wie es ihm ging, wo er war und was er erlebt hat. Besonders haben wir uns gefreut, wenn Onkel Paul bei Oma in der Villa Scotti zu Besuch war. Oft hat er uns Kindern Geschenke mitgebracht.“

Meine Mutter erinnert sich gut an das letzte Telefonat mit Onkel Paul: „Er erwähnte unter anderem, dass sich bei ihm ein Doktor Alz und ein Doktor Parkinson gemeldet hätten, er ein Gespräch mit den beiden aber vermieden habe. Onkel Paul hat bis zuletzt seinen Humor behalten.“ ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.03.2008)