Tonga und Tabu

Die kalten Märztage sind fast vorbei. Im Garten blüht der Marillenbaum.

Da darf sich die Gegengift-WG einen avantgardistischen Blick in den Frühling und einen nostalgischen in den Mai ‘68 gönnen, den wir kollektiv bewundern wollen.

Damals waren die jungen Leute vor allem damit beschäftigt, Tabus zu brechen. Das ist ein schönes Wort für die Hippie-Generation, es kommt von dort her, wo ewig Blumen blühen, aus Polynesien. Tabu bedeutet auf Tonga oder den Fidschi-Inseln so etwas wie heilig, einen geschützten Bereich, der keinen Fremden etwas angeht. Übervater Freud bemerkte dazu 1913: „Die Tabuverbote entbehren jeder Begründung; für uns unverständlich, erscheinen sie jenen selbstverständlich, die unter ihrer Herrschaft leben.“ Das passt doch auch irgendwie zu 1968.

Ich finde aber, das Wort wurde vor vierzig Jahren missverständlich gebraucht. Der Tabubruch bezog sich vor allem auch auf die Sexualität, und in diesem Sinne sind die Jünger der Befreiung in die gleiche Falle geraten wie die Moralwächter der katholischen Kirche: Der Beischlaf in seinen vielfältigen Formen wird überschätzt. Mit heiligen Bezirken in der Südsee hat der Diskurs über den Sex wenig zu tun, eher mit bürgerlicher Etikette.

Deshalb wollen wir hier als Nachgeborene einen Tabubruch begehen und über die Etikette im Verkehr mit Leuten sprechen, die in den 60ern jung waren. Auch die haben ein Recht auf Privatsphäre. Fragen Sie sie also auf Samoa beim Candle-Light-Dinner niemals: Seit wann sind Sie in Frühpension? Was genau bedeutet „Befreiung aus dogmatischer Abhängigkeit“ in Ihrer Dissertation über „Erkenntnis und Interesse“? Wer machte in Ihrer Wohngemeinschaft den Abwasch?

Reden Sie über schöne Dinge: Wie war es in Woodstock? (50 Mio. Menschen schliefen dort, der Rest lag auf der Isle of Wight.) Was hat Herbert Marcuse auf Ihre Frage nach der Relevanz von Stalins Triebstruktur geantwortet? (50.000 Studenten hörten ihm regelmäßig zu.) Stimmt es, dass Sie zwei Mal mit Uschi Obermaier gepennt haben? (5000 Männer wohnten zeitweise in der Kommune 1.) Legen Sie alle Hemmungen ab. Fragen Sie, warum Ihr Gesprächspartner so großartig geblieben ist. Dann steht einem tabulosen Monolog nichts im Weg.


norbert.mayer@diepresse.com("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.03.2008)

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