Zeitarbeit: „Geduldetes Sklaventum“

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Die Telekom Austria kündigt einen Job-Abbau an, und die Gewerkschaft hüllt sich in Schweigen. Es betrifft ja schließlich nur Zeitarbeiter. Sind Beschäftigte von Leasingfirmen Arbeiter zweiter Klasse?

WIEN. Die Telekom Austria wird keine 1000 Mitarbeiter abbauen. „Es werden die Verträge für 120 Zeitarbeiter nicht verlängert“, korrigierte Martin Bredl, Sprecher der Festnetzsparte, am Freitag vermeintliche Falschmeldungen. „Es gibt keinen Plan, mehr Jobs zu streichen“, sagte er zur „Presse“. Es ist also alles halb so schlimm.

Es war niemals schlimm. Denn die Gewerkschaft hat die Meldung von 1000 Jobs, die angeblich zur Disposition stünden, sogar mit Wohlwollen aufgenommen. Es sei durchaus im Interesse des Betriebsrats, dass zuerst Leasingkräfte statt fixer Mitarbeiter abgebaut werden, sagte Betriebsratschef Michael Kolek zur „Presse“. „Es kann ja nicht sein, dass wir Leiharbeiter aufnehmen und für die eigenen Leute keine Jobs haben.“


Die „eigenen“ Leute

Leasingkräfte zählen für Gewerkschafter also nicht zu den „eigenen Leuten“. Und das bekommen sie täglich zu spüren. Erst recht, wenn es um ihre Jobs geht. Wenn bei Magna 2007 bis zu 1200 Leiharbeiter abgebaut werden, wenn Infineon bis Ende des Monats 100 Leiharbeiter nicht mehr benötigt, wartet man vergeblich auf den Aufschrei der Gewerkschaft.

Gibt es Arbeiter zweiter Klasse? „Wir haben uns in der Vergangenheit sehr für Zeitarbeiter eingesetzt“, betont Karl Proyer, Vizechef der Gewerkschaft der Privatangestellten. Zeitarbeiter haben mittlerweile den selben Kollektivvertrag wie fixe Mitarbeiter. Und natürlich stehen den betroffenen Telekom-Zeitarbeitern „unsere Türen offen“, sagt Proyer. Freilich nur den Angestellten. Denn die Arbeiter werden von der Metaller-Gewerkschaft vertreten.

Gab es 1990 in ganz Österreich gerade 9000 Zeitarbeiter, so werden es heuer fast 80.000 sein. Immer mehr Betriebe nehmen die Dienste von Leasingfirmen in Anspruch. Zeitarbeiter schlagen sich in der Buchhaltung als Sachaufwand nieder. Und: Man ist sie schnell wieder los, wenn sich die Auftragslage verschlechtert. Leasingkräfte bieten einst staatseigenen Konzernen wie der Telekom jene Flexibilität, die das einzementierte Beamtentum vermissen lässt. 6000 der 9500 Telekom-Mitarbeiter sind unkündbare Beamte.

Helmut Hofer, Arbeitsmarktexperte am Wiener Institut für Höhere Studien (IHS), kann der Zeitarbeit deshalb auch viel Positives abgewinnen: „Wenn die Leiharbeiter fix angestellt wären, gäbe es diese Jobs ja gar nicht.“

Tatsächlich vermittelt das Arbeitsmarktservice (AMS) immer mehr Arbeitslose an Leasingunternehmen wie Trenkwalder. Das Unternehmen aus Schwadorf in Niederösterreich ist der größte AMS-Kunde. Zweitgrößter AMS-Kunde ist das Leasingunternehmen Manpower. Erst dann kommt Billa.

„Wir beschäftigen in Österreich 9000 Leute in 3000 Unternehmen“, sagt Trenkwalder-Sprecherin Irmgard Prosinger. 30 Prozent davon seien angestellt. Während Arbeiter in der Regel tatsächlich oft nur wenige Wochen bei einem Unternehmen sind, werden Angestellte im Schnitt ein Jahr lang an Firmen verliehen. „Jene 120 Leute, die nun bei der Telekom Austria wegfallen, arbeiten dort zum Teil schon viele Jahre“, sagt Prosinger.

Zurück zur Telekom: Dort ist sich der mächtige Gewerkschafter Kolek der prekären Situation bewusst. Aus Sicht der Gewerkschaft sei das Thema Zeitarbeit ein Riesen-Problem“, für das man noch keine „richtige Lösung“ gefunden habe. Kolek spricht von „geduldeter Sklaverei“. Und unter den Duldern seien auch Gewerkschafter. „Aber sie werden keinen Betriebsrat finden, der sagt: Haut zuerst die fixen Mitarbeiter raus.“ Im Übrigen seien nicht einmal zehn Prozent der Zeitarbeiter Gewerkschaftsmitglieder, sagt Kolek.

Die Gewerkschaften hätten das „Insider-Outsider-Problem“, sagt Wirtschaftsforscher Hofer. Auf der einen Seite stünden die „Insider“: fest angestellte Arbeitnehmer. Auf der anderen die „Outsider“: Junge und nur befristet Beschäftigte, die auf den Arbeitsmarkt drängen. Und damit in harte Konkurrenz zur Klientel der Gewerkschaften treten. „Für sie wird es immer schwieriger, die Leute zu vertreten, weil deren Interessen zu stark auseinander gehen.“

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.03.2008)