Die 85 Jahre währende Zeit der Unabhängigkeit der US-Investmentbank Bear Stearns dürfte bald vorbei sein.
New York (br/ag.).Seit 85 Jahren ist die US-Investmentbank Bear Stearns ein unabhängiges Wall-Street-Unternehmen. Damit könnte bald Schluss sein. Wie berichtet, hatten vergangene Woche die US-Notenbank Fed und die Großbank JP Morgan Chase dem angeschlagenen Institut mit einer Finanzspritze in nicht genannter Höhe zu Hilfe kommen müssen. Denn ein Zusammenbruch der fünftgrößten US-Investmentbank hätte möglicherweise schwerwiegende Folgen für das amerikanische und das globale Bankensystem haben können.
Nach Bekanntwerden der Rettungsaktion stürzten die Bear-Stearns-Aktien zum Wochenschluss dennoch um 47 Prozent auf 30 Dollar ab. Im April waren sie noch um 159 Dollar zu haben. Dann geriet die Bank durch ihre aggressiven Geschäfte mit Hypotheken-Wertpapieren ins Straucheln. Im Sommer brachen zwei Hedge-Fonds von Bear Stearns, die in Subprime-Wertpapiere investiert hatten, zusammen.
JP Morgan interessiert
Nun überlegt JP Morgan informierten Kreisen zufolge, das ins Trudeln geratene Institut überhaupt zu übernehmen. JP Morgan hat weniger unter der Hypotheken- und Finanzmarktkrise gelitten als Konkurrenten wie Merrill Lynch, Citigroup oder UBS und hat viel Liquidität zur Verfügung. Möglicher Investor ist laut dem US-Börsenfernsehsender CNBC auch der Privatinvestor J.C. Flowers. Weitere Medien brachten den Hedgefonds Citadel Investment Group, die Royal Bank of Scotland und die britische Großbank HSBC Holdings ins Spiel.
Als wertvollste Sparte von Bear Stearns gilt die Prime-Brokerage-Sparte. Sie führt Aktienhandel für Hedge-Fonds durch, gibt ihnen Kredite und dürfte 3,4 Mrd. Dollar (2,17 Mrd. Euro) wert sein. Das Hauptquartier der Bank, der erst 2002 fertiggestellte Wolkenkratzer an der Madison Avenue, wird auf 1,5 Mrd. Dollar geschätzt.
Bear Stearns droht indes ein weiterer Kapitalausfall: Das chinesische Brokerhaus Citic, das einen Einstieg bei Bear Stearns geplant hatte, will diesen jetzt noch einmal überdenken. Der ins Trudeln geratenen US-Bank drohen dadurch Investitionen von einer Mrd. Dollar zu entgehen. Erst im Oktober hatten sich Bear Stearns und Citic auf eine strategische Allianz verständigt, die eine gegenseitige Beteiligung vorsah und die Präsenz der US-Bank in Asien stärken sollte. Die Verhandlungen werden allerdings fortgesetzt.
Kreditkrise setzt sich fort
Heute, Montag, legt Bear Stearns seine Quartalsergebnisse vor. Auch Goldman Sachs, Morgan Stanley und Lehman warten in dieser Woche mit ihren Geschäftsberichten auf. Dies dürfte weitere Aufschlüsse über das Ausmaß der Kreditkrise geben. Bisher haben Banken, Investmentbanken, Versicherungen und andere institutionelle Investoren in aller Welt fast 200 Mrd. Dollar abgeschrieben und Verluste verbucht. Nach unterschiedlichen Schätzungen drohen weltweit Gesamteinbußen von 400 bis 600 Mrd. Dollar. Siehe Kommentar, Seite 31
AUF EINEN BLICK
Die US-InvestmentbankBear Stearns wurde vergangene Woche durch eine Finanzspritze der US-Notenbank Fed und von JP Morgan Chase gerettet. Nun gilt das Unternehmen als Übernahmekandidat.
Potenzielle Investoren sind die Bank JP Morgan selbst, die bisher von der Kreditkrise relativ unbeschadet blieb, sowie der Privatinvestor J.C. Flowers. Auch die Royal Bank of Scotland oder die britische HSBC sollen interessiert sein.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.03.2008)