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Gusenbauer und die Weltverschwörung

Kongress der „Grenzwissenschaftler“ mit antisemitischer Schlagseite in Wien.

WIEN. Die gute Nachricht zuerst: Die Welt wird wohl doch nicht 2012 untergehen, wie das viele ob des Endes der gegenwärtigen Periode des Maya-Kalenders am 21.Dezember jenes Jahres vermutet haben. Allerdings stehen uns, glaubt man den Vortragenden des Ersten Wiener Grenzwissenschaftskongresses, ab diesem Jahr massive Veränderungen ins Haus: Die Illuminaten seien es, die mit einer Weltverschwörung durch Inflation, Energiekrise und den Dritten Weltkrieg die „Neue Weltordnung“ herbeiführen möchten. Auch Bundeskanzler Alfred Gusenbauer sei Teil der Pläne, verrät ein Vortragender der „Presse“ – der Kanzler gehöre nämlich zur „Bilderberg“-Gruppe, die an der Errichtung der Weltdiktatur arbeite.

Diese und viele andere Theorien haben vier Referenten am Samstag vor rund fünfzig Zuhörern in den Gewölben des Zwölf-Apostelkellers erörtert. Frauen und Männer, Junge und Alte, Anwälte und Arbeiter sitzen dicht gedrängt und hören etwa, wie der ehemalige deutsche Luftwaffenoffizier Robert Spengler die Ökomoralpredigt „Eine unbequeme Wahrheit“ von Al Gore in der Luft zerfetzt: Die Klimaerwärmung sei etwas Natürliches, CO2 eigentlich gesund, und die Panikmache um das Thema diene nur dazu, den Menschen Angst zu machen, um sie besser unterdrücken zu können.

Als Quelle nennt Spengler „über 500 Stunden Internet-Recherche“. Das Internet sei überhaupt das Medium, über das die Szene der Grenzwissenschaftler hauptsächlich kommuniziert – „in normalen Medien kommen wir ja nicht vor“, beschwert sich der Veranstalter des Kongresses, der 28-jährige Möbelhändler Mario Rank.


„Die Verschwörer sind die Juden“

Dafür gibt es einen regen Markt grenzwissenschaftlicher Bücher, ergänzt Oliver Gerschitz, der in Bayern den regelmäßigen „Regentreff“ abhält, wo ebensolche Themen diskutiert werden: Ein Zehntel aller verkauften Bücher beschäftige sich mit Kornkreisen, UFOs, Telepathie oder mit Gerschitz' Spezialgebiet, dem „Philadelphia-Experiment“: Dabei soll auf Geheiß der amerikanischen Regierung ein Kriegsschiff durch Zeit und Raum „gebeamt“ worden sein, um außerirdische Mächte zur Erde zu bringen.

Gemeinsam haben die Grenzwissenschaften, dass ihre Ergebnisse nicht weit verbreitet seien, so Rank: „Wir wollen uns vom Begriff der Wissenschaft im Sinne Darwins absetzen.“ Viele Teilnehmer schätzen das: „Ich will eine andere Meinung hören als jene, die ich täglich von den Medien vorgesetzt bekomme“, begründet etwa Winfried Morais seine Anwesenheit.

Anders die „Energie-Coachin“ Annette Meischl – sie erhofft sich Erkenntnisse über kosmische Energien, die sie dann in ihrer Praxis einsetzen kann. Ein Banker, der seinen Namen lieber nicht nennen will, erwartet sich vom Börsenastrologen Manfred Zimmel handfeste Investmenttipps.

Während Zimmel über die Pläne der Illuminaten referiert, mittels der „Hyperinflation“ den Mittelstand auszurotten, fällt die Frage, aus welcher Richtung die Verschwörer kämen. – „Das sind alles Juden“ tönt eine anonyme Stimme aus dem Publikum. Theorien, von denen sich die Kongressleitung distanziert. Antisemitische Tendenzen in den Grenzwissenschaften weise er strikt zurück, meint Veranstalter Rank. Aber grundsätzlich kämen die Verschwörer eben „aus bestimmten Richtungen“.

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("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.03.2008)