Turbulenzen im US-Finanzsektor schicken die Kapitalmärkte weltweit auf Talfahrt. An der US-Notenbank Fed wird zunehmend Kritik laut: "Sie verschießt ihre Pfeile vorschnell".
Der Notverkauf der US-Investmentbank Bear Stearns an JP Morgan und die überraschende Senkung des Diskontsatzes der US-Notenbank Fed ließen am Montag die Kurse an den Börsen weltweit einbrechen.
"Schlimmste Krise seit Ende des 2. Weltkriegs"
Nach Einschätzung des früheren US-Notenbankchefs Alan Greenspan erleben die USA derzeit die schwerste Finanzkrise seit dem Zweiten Weltkrieg. Die Krise werde "wahrscheinlich im Nachhinein als schlimmste seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs bewertet werden", schrieb Greenspan in einem Beitrag für die "Financial Times" ("FT") vom Montag.
Die Krise werde vorüber sein, wenn sich die Immobilienpreise stabilisierten und damit der Preis für Finanzprodukte, die an Hypothekendarlehen gekoppelt sind.
"Krise verschärft sich weiter"
"Die Krise verschärft sich weiter. Die abgeklärte Kühlheit, die Finanzintermediären sehr gut zu Gesicht steht, ist heute nicht anzutreffen", sagte auch der Chefstratege der Bremer Landesbank, Folker Hellmeyer am Montag laut Nachrichtenagentur Reuters.
Vor allem bei Finanzwerten herrschte Händlern zufolge nach dem Verkauf der in schweren Liquiditätsproblemen steckenden fünftgrößten US-Investmentbank Bear Stearns immenser Verkaufsdruck.
Börsen weltweit auf Talfahrt
Der ATX rutschte mit Stand 13:26 Uhr um 4,2 Prozent auf 3.561,61 Punkte ab (zu den aktuellen Kursen der Wiener Börse...), der DAX brach über 3,5 Prozent ein und rutschte auf den tiefsten Stand seit Oktober 2006 (zu den aktuellen Kursen der Deutschen Börse...).
Zuvor hatte bereits der dramatische Dollarverfall zum Yen angesichts der Angst vor einer globalen Kreditkrise die Kurse an Tokios Börse einbrechen lassen. Der Nikkei-Index für 225 führende Werte stürzte erstmals seit August 2005 unter die psychologisch wichtige Marke von 12.000 Punkten. Zum Handelsende notierte das Börsenbarometer einen Verlust von 454,09 Punkten oder 3,71 Prozent beim Stand von 11.787,51 Punkten.
Die Börse in Hongkong verbuchte ebenfalls deutliche Verluste. Der Hang-Seng-Index schloss laut Nachrichtenagentur Reuters 5,18 Prozent im Minus. Der H-Index der Aktien vom chinesischen Festland sackte gar um 7,18 Prozent ab. Die Börse in Shanghai schloss mit einem Minus von 3,6 Prozent bei 3.820 Punkten.
Der Dollar befand sich wegen der Sorgen vor einer Rezession in den USA im freien Fall. Anleger flüchteten in weniger riskante Investments. Die Preise für Gold strebten erneut Höchstständen entgegen.
"Fed verschießt Pfeile vorschnell"
Die Fed unterstützt die Übernahme von Bear Stearns durch JP Morgan mit einer Sonderfinanzierung. Weiters senkte die Fed ihren Diskontsatz um 25 Basispunkte auf 3,25 Prozent und kündigte ein Sonderkreditprogramm an, um großen Finanzfirmen zusätzliches Geld zur Verfügung zu stellen. "Die Fed verschießt vorschnell viele ihrer Pfeile. Wir haben aber kein Preisproblem, sondern ein strukturelles Problem", kritisierte Hellmeyer laut Nachrichtenagentur Reuters. Die Fed-Aktionen würden offensichtlich machen, wie ernst die Lage tatsächlich ist.
"Fall wie Bear Stearns in Europa?"
Bei der Sitzung der US-Notenbank am Dienstag wird nun mittlerweile eine Senkung der Leitzinsen um bis zu 100 Basispunkte erwartet. "Die Frage ist: Hat die Fed überhaupt noch das richtige Instrumentarium?", sagte Aktienstratege Tobias Basse von der NordLB. "Wir können niemandem mehr Vertrauen. Wem soll ich denn hier noch glauben", fasste Dirk Müller von ICF Kursmakler die Stimmung der Nachrichtenagentur Reuters zufolge zusammen.
"Jeder fragt sich: wer kommt als nächstes? Gibt es einen Fall wie Bear Stearns in Europa?", sagte auch Edmund Shing von BNP Paribas. (Ag./Red.)