Wenn man ein Kind hat, erwartet man, dass alle Welt sich entzückt zeigt.
Als junge Mutter ist man ja ziemlich naiv. Oder sollte ich besser sagen: ein wenig vergesslich? Selber hat man vielleicht noch nie ein Baby freiwillig aus der Nähe betrachtet (dass alle jungen Frauen auf Babys fliegen ist ein Mythos, ein Mythos, ein Mythos!) und wenn man dann irgendwann selber eins hat, erwartet man plötzlich, dass alle Welt sich entzückt zeigt.
Tut sie aber nicht! Je schneller man sich darauf einstellt, desto besser?
Mein diesbezügliches Aha-Erlebnis hatte ich vor fast acht Jahren, ein paar Monate nach Hannahs Geburt. Es war einer der ersten Abende, an denen wir wieder Gäste hatten, die nicht zum engsten Freundeskreis zählten (und mit eng meine ich Freunde, für die man keine Ausrede erfinden muss, wenn man sich zwischendurch für ein Sitzbad mit Eichenrindenextrakt zurückzieht). Ich hatte Paella gekocht. Ich hatte die schönen Gläser aufgedeckt. Ich hatte Hannah noch schnell gebadet, schließlich wollte ich ein nach Kindershampoo duftendes Baby präsentieren? Da läutete es auch schon. Unser erster Gast stand vor der Türe. „Wunderbar“, sagte ich, „du kommst genau zum richtigen Zeitpunkt!“ – „Wirklich? Schläft denn die Kleine schon?“
Seither bin ich vorsichtig geworden. Das heißt: Familienfremde Gäste werden von mir präzise instruiert: „Der Abend läuft so ab“, erkläre ich: „Um 18.30 essen die Kinder, um 19 Uhr dürfen sie eine halbe Stunde fernsehen, um 19.30 müssen sie zu Bett und um etwa 20 Uhr sollte Ruhe sein. Wann wollt ihr kommen?“
Antwort Nummer 1 (Notlüge elaboriert): „Ich würde ja die Kinder gerne kennenlernen, aber ich habe um 18 Uhr noch einen Termin.“ Antwort Nummer 2 (Notlüge simpel): „Schade, ich kann erst um acht.“ Antwort Nummer 3 (höflich): „Ist acht Uhr für euch okay?“ Antwort Nummer 4 (lapidar): „Ich komm dann um acht.“
Und dann gibt es noch welche, die verspäten sich einfach.
Egal. Alles in allem klappt das ganz gut. Bis neulich. Wieder hatte ich zwei Kollegen eingeladen. Wieder klingelte es. Aber diesmal eineinhalb Stunden zu früh! „Ich habe gedacht, ihr kommt um acht?“ – „Wieso um acht?“ – „Ich hab doch geschrieben, dass die Kinder dann im Bett liegen!“ – „Und wir haben zurückgeschrieben, wir kommen um halb sieben!“ Ich muss sagen, ich war gerührt.
bettina.eibel-steiner@diepresse.com("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.03.2008)