Der Notverkauf von Bear Stearns wirkt auf die Börsen wie ein Schock. Während sie auf Talfahrt gehen, zeichnet sich schon das nächste mögliche Opfer ab: die Investmentbank Lehman Brothers.
Übers Wochenende wurde der Verkauf von Bear Stearns abgewickelt, der fünftgrößten Investmentbank der USA. Das Ereignis hat eine bleibende Schockwirkung auf den internationalem Märkten hinterlassen. Die Börsen gingen auf Talfahrt. Euro, Gold und Rohöl erreichten wieder Rekordstände: So kletterte der Ölpreis in der Früh zwischenzeitlich auf mehr als 111 Dollar.
Erinnerungen an den "Schwarzen Montag"
Während unter dem Stichwort "Schwarzer Montag" Erinnerungen an den Börsenchrash 1929 die Runde machten, kamen weitere negative Schlagzeilen. Spekulationen über finanzielle Probleme der US-Investmentbank Lehman Brothers sorgten im Laufe des Tages für neue Unruhe. Die Bank versuchte, zurückzurudern und wies die Meldungen zurück. Die Börsen reagierten trotzdem: Die Lehman-Aktie sackt im Laufe des Montags zeitweise um knapp 40 Prozent ab.
Zu frisch sind die Erinnerungen an fast gleichlautende Meldungen zu Bear Stearns - der Ausgang der Spekulationen ist bekannt. Aufregung brachte für die Titel von Lehman und Goldman Sachs auch eine kritische Analyse von UBS: Die Experten von UBS haben die Aktien beider Banken auf "neutral" herunter gestuft und eine weitere Verschärfung der Liquiditätskrise angekündigt. Einem Bericht des Sunday Telegraph zufolge soll Goldman Sachs Abschreibungen von 3 Mrd. Dollar und einen Gewinnrückgang von 50 Prozent im vergangenen ersten Quartal diese Woche bekanntgeben.
Fed steigert Nervosität
Unterdessen preschte die US-Notenbank mit weiteren Maßnahmen zur Stabilisierung der Bankenbranche vor, so senkte sie überraschend den Diskontsatz von 3,5 auf 3,25 Prozent. Die Schritte wurden allerdings als Zeichen für ein noch größeres Ausmaß der Krise gewertet - und trugen nur noch stärker zur Nervosität bei, anstatt zu beruhigen. Äußerungen des ehemaligen Fed-Chefs Alan Greenspan taten ein Übriges: Ganz offen sprach Greenspan von der "schwersten Krise seit Ende des Zweiten Weltkriegs", in der die USA gerade stecken. In einem Beitrag für die "Financial Times" vom Montag schrieb Greenspan, die Krise werde "wahrscheinlich im Nachhinein als schlimmste seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs bewertet werden".
"Wem soll ich hier noch glauben?"
"Bei den Financials greift die pure Panik", sagte ein Händler am Montag unmittelbar vor Handelsbeginn in New York. "Wir können niemandem mehr vertrauen. Wem soll ich hier noch glauben?", fasste Dirk Müller von ICF Kursmakler in Frankfurt die Stimmung zusammen. "Jeder fragt sich: wer kommt als nächstes? Gibt es einen Fall wie Bear Stearns in Europa?", sagte Edmund Shing von BNP Paribas.
Auch die großen österreichischen Bank-Aktien wurden vom Abwärtssog der Finanzwerte nach unten getrieben: in Wien notierten die Aktien von Erste Bank zeitweise 7 Prozent im Minus, Raiffeisen International (RI) gab um rund 4 Prozent nach.
Dax, ATX rutschen ab
In Frankfurt fiel der deutsche Aktienindex Dax am Nachmittag um gut vier Prozent auf den niedrigsten Stand seit Oktober 2006. Der österreichische Leitindex ATX notierte gegen 17 Uhr bei fünf Prozent unter dem Freitag-Schluss.
Die US-Börsen drehten ebenfalls ins Minus, belastet vor allem von Banken-Aktien. Papiere von Citigroup und Goldman Sachs verloren rund fünf Prozent an Wert. Mitten im Abwärtsstrudel gibt es allerdings auch einen Gewinner: Die Aktie von J.P. Morgan, die vom "Schleuderpreis"-Kauf von Bear Stearns profitiert.
Bei Bankenwerten herrschten weltweit Panikverkäufe. Europäische Bankenwerte verloren im Schnitt mehr als sechs Prozent. Die UBS-Aktien traf es mit einem Abschlag von mehr als zwölf Prozent am stärksten. Die Schweizer Großbank leidet unter ihrem Subprime-Engagement besonders. Die Aktien der britischen Hypothekenbank HBOS brachen um mehr als zehn Prozent ein. In Frankfurt verloren die Deutsche Bank und Postbank knapp 6 Prozent, Commerzbank gab um 7 Prozent nach. Die Deutsche Börse notierte 10,46 Prozent im Minus.
(Ag.Red.)