Jüdisches Museum: „Nur eine Foto! Nur eine Foto!“

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„Leben!“ – bunter Querschnitt durch Wiens jüdische Zeitgeschichte.

Wie ein Garten ist die Schau „Leben! Juden in Wien nach 1945“ angelegt, die ab diesem Mittwoch bis 22.Juni im Jüdischen Museum zu sehen ist. 2000 private Fotos sind zu sehen, die meisten in Farbe, ein wogendes Blumenfeld sind sie. Jedes einzelne Bild ist an einem im Boden verankerten Stab befestigt, diverse Gruppen und Untergruppen ergeben ein blühendes Ganzes; Prominente, Orthodoxe, Zugereiste aus der früheren Sowjetunion, aus dem ehemaligen Habsburgerreich, die nach 1945 zum Wiederaufbau nach Wien kamen. So viel Heiterkeit und Charakter in derart geballter Form ist selten zu sehen. Ein wenig kommt man sich auch wie ein Voyeur vor, so unverstellt privat sind die Aufnahmen.

All diese Fotos hat Margit Dobronyi gemacht. Die heute 95-Jährige begann nach ihrer Flucht aus Ungarn 1956, in Wien als Fotografin zu arbeiten, sie hat, heißt es, praktisch kein jüdisches Fest, keinen Anlass ausgelassen, um zu fotografieren. „Damals war man natürlich froh, dass es einen jüdischen Fotografen gegeben hat, weil da konnte man tanzen und singen, ohne sich von jemandem beobachtet zu fühlen, der nicht dazugehört“, so Jonas Zahler über die omnipräsente Frau Dobronyi. „Nur eine Foto! Nur eine Foto!“, lautete ihr Spruch. Bis zum Jahr 2000 sind 150.000 Bilder entstanden, die das Museum 2004 angekauft hat.

Die Vorgeschichte wird ausgespart

Ruth Beckermann hat diese Masse durchforstet und eine erste umfassende Installation gemacht. Bewusst komme die Vorgeschichte, die Shoa, nicht vor, sagt die renommierte Dokumentarfilmerin und Autorin: „Diese Schau ist über lebende Juden, die Überlebenden.“ Die seien nach dem Krieg von Gier nach Leben erfüllt gewesen. Die meisten seien in Wien, der Stadt ihrer Nostalgie, geblieben, das Weggehen wurde auf die nächste Generation verschoben.

Man sieht Menschen, die ausgelassen Hochzeit oder Bar Mizvah feiern, auf Urlaub gehen, in ihrem neuen Wagen posieren, stolz vor ihrem Geschäft stehen, im Kaffeehaus sitzen oder einfach nur fröhlich sind. Paparazza Dobronyi tauchte auf, wenn etwas Besonderes los war. Es herrscht Aufbruchstimmung in diesen Bildern, die keinen besonderen künstlerischen Anspruch erheben. Im Gesamten aber werden sie, sagt Kurator Werner Hanak-Lettner, zu einer historischen Sammlung ersten Ranges.

Über die Bildnummer kann man im PC die Namen der Abgebildeten erfahren. Die Aussteller hoffen auch, dass die Daten durch Besucher ergänzt werden, damit man noch präziser weiß, wer bei welcher Gelegenheit mit den Wiesenthals oder Hellers, mit Kahane, Schlaff, Deutsch oder den Beckermanns Umgang pflog. „Man hat sich halt gekannt“, sagt eine Besucherin, deren Eltern aus Czernowitz nach Wien gelangten. Diese Schau geht ganz nah ran.

Dorotheergasse 1, So.–Fr. 10–18Uhr, 6,50€

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.03.2008)

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