Peter Pakesch, Intendant des steirischen Landesmuseums Joanneum, über fehlende Konzepte in Wien, seine noch ausstehenden Pläne in Graz und den großen Erziehungsauftrag seiner Sparte.
Die Presse: Vor fünf Jahren sind Sie von Basel nach Graz gekommen und leiten seither als Intendant und künstlerischer Geschäftsführer das Landesmuseum Joanneum. Haben Sie den Kulturschock bereits überwunden?
Peter Pakesch: Einen Kulturschock gibt es bei jedem Ortswechsel, er nagt ganz unterschiedlich an dir. Die Konstellation in Graz als Kulturhauptstadt Europas 2003 war spannend. Da wurde einmal aufgezeigt, was möglich ist. Aber gerade in mittelgroßen Städten entsteht rasch eine Kluft. Die Grazer selbst reden gerne schlecht über ihre Stadt. Ich schätze die große Qualität des Museumsapparats Joanneum, aber es gibt eben auch die Mühen der Ebene.
Ein Beispiel?
Pakesch: Nehmen Sie das Kunsthaus, das sogleich als „friendly Alien“ bezeichnet wurde. Es war schön, dieses neue Haus auf einen internationalen Level zu setzen. Die Falle dabei: Für ein breiteres Publikum ist ein derartig strenges Konzept erklärungsbedürftig. Man muss daran arbeiten, dass dieser Außerirdische freundlich bleibt. Immerhin sind aber ein Drittel der 80.000 Besucher pro Jahr Grazer. Die Architektur ist keine Schwelle, eher im Gegenteil, sie hilft, aktuelle Kunst zu vermitteln.
Wie geht es im Vergleich der alten Kunst?
Pakesch: Die Alte Galerie ist sehr wichtig für das Joanneum. Es war interessant, was die Verlagerung der Galerie nach Schloss Eggenberg ausgelöst hat. Die Fans der Tradition waren erst skeptisch. Jetzt ist die Galerie das richtige Gegengewicht zum Kunsthaus. Die Gesamtbesucherzahl von Eggenberg beträgt mehr als 100.000.
Wo aber liegen die tatsächlichen Probleme?
Pakesch: In der aktuellen Kunst bin ich nicht gegen das Schrebergartentum aufgekommen. Ein gemeinsames Vorgehen verschiedener Institutionen war nicht so leicht möglich. Da habe ich tatsächlich einen Kulturschock erlitten. Eine bessere Kooperation mit der Szene wäre wünschenswert.
Was steht noch aus bei Ihren Plänen?
Pakesch: Die Schwerpunkte Naturwissenschaft und Kulturgeschichte im neu zu schaffenden Joanneumsviertel, weiters das „Bruseum“ in der Neuen Galerie, die Archäologie in Eggenberg und die Landwirtschaft als Ergänzung zum Jagdmuseum in Stainz. Im Kunsthaus haben wir einiges mit dem Medienkunstlabor vor. Hier beginnen Kooperationen mit dem Elektronikinstitut der Kunstuni, einschlägigen elektronischen Instituten auf der TU Graz. Entsprechende Projekte liegen bereits mit Instituten der Architekturfakultät und der FH Joanneum. Bei den Universitätskooperationen gibt es auch einiges, was sich für die Museumsakademie anbahnt, einem für uns sehr bedeutenden Projekt zur Weiterbildung im Museumsbereich.
Wie sieht die Politik nach der Euphorie von 2003 die Kultur? Stadt und Land sind klamm.
Pakesch: Mehr und mehr ist man zuletzt, nachdem Kultur einst eine Sonderstellung hatte, ins politische Kleingeld gekommen. Zum Teil wurde auch künstliche Aufregung geschaffen. Das Kulturhauptstadtjahr war viel erfolgreicher, als allgemein angenommen. Es gibt nun aber die Gefahr mangelnder Kontinuitäten. Die einstigen Masterpläne haben sehr lange gehalten, da gab es große Gestalter wie die Kulturlandesräte Hanns Koren und Kurt Jungwirth. Die Neupositionierungen heute sind auch schmerzhaft.
Schmerzhafte Umschwünge sind auch in Wien zu beobachten. Wie bewerten Sie die Museumslandschaft der Bundeshauptstadt?
Pakesch: Wien ist eine sehr luxuriöse Stadt, was Sammlungen und Öffentlichkeit betrifft. Schwierig ist es heute durch den numerischen Wettbewerb, den es statt des Diskursiven gibt. Es wurde bei den Bundesmuseen nie fundamental über ein Konzept nachgedacht, das beginnt erst. Bisher geht das Spezifische einzelner Museen verloren. Jeder ernsthafte Direktor müsste gegen das grassierende Streamlining Position beziehen. Es werden zusehends Moden nachgelebt.
Wo ist das am stärksten ausgeprägt?
Pakesch: Am eklatantesten ist das bei der Albertina der Fall. Früher war die grafische Sammlung ganz spezifisch, ein großes Haus in diesem Feld. Jetzt wird das überschattet von einem sehr heterogenen Programm, das in jedem Museum der Welt stattfinden könnte.
Überall herrscht heute eben die bei den Besuchern attraktive klassische Moderne.
Pakesch: Dieser Zug ist längst abgefahren. Wien hat die internationale Tradition klassischer Moderne nicht. Deshalb ist eine genuine Pflege derselben – so zum Beispiel eine gute Picasso-Schau – selbst mit vielen Leihgaben nicht wirklich möglich, anders als an einem Ort wie Basel, wo es seit 1914 eine intensive Beziehung zu diesem Künstler und ganz andere Bestände gibt.
Klassisch modern ist auch die Sammlung Leopold.
Pakesch: Klassisch modern österreichisch. Aber dort wurde die Chance versäumt, sich profunder mit dieser Periode auseinanderzusetzen. Im Vergleich dazu und in neuerer Vergangenheit ist Direktor Edelbert Köb, der zur Hahn-Sammlung zum Beispiel eine Aktionismus-Sammlung für das MuMok angelegt hat, vorbildhaft. Mit Ausdauer ließen sich vielleicht die einzelnen Fragmente sinnvoll zusammenführen.
Wie sollte man das KHM führen?
Pakesch: Im Kunsthistorischen Museum ist über die Jahre sicher einiges passiert, wenn man es mit früheren Perioden vergleicht. Generaldirektor Wilfried Seipel konnte seit 1990 einigen guten Wind nützen. Er hat gelegentlich interessante Sachen gemacht, aber leider auch einige, die dem Museum nicht würdig waren und wenig Kontinuität bewirkten. Die Goya-Ausstellung war enttäuschend, die Tizian-Schau hingegen hervorragend.
Woran leidet das KHM strukturell?
Pakesch: Sicher würde eine gute Ausstellungshalle Sinn machen. Vor allem auch, um das Haus besser lokal zu positionieren. Im Gegensatz zu vielen Häusern ähnlicher Art in manchen anderen Hauptstädten hat das KHM mehr touristische Bedeutung. Auf Grund der Sammlung ist es kein „österreichisches“ Museum, so wie der Prado ein „spanisches“ Museum ist. Hier ist eine stärkere lokale Verankerung wichtig, ein breiteres Verständnis, was diese Sammlung in einer heutigen Gesellschaft bedeutet, was sie einzigartig macht und sie durchaus lokal, in einem europäischen Sinn, verknüpft. Das bedeutet einen großen Erziehungsauftrag bis hin zu den Familien. Wenn ich am Wochenende ins Naturhistorische gehe, sehe ich dort mehr Familien.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.03.2008)