US-Notenbank senkt nochmals drastisch die Zinsen

 - Auch der jüngste Auftritt des US-Notenbankchefs Ben Bernanke war mit Spannung erwartet worden.
- Auch der jüngste Auftritt des US-Notenbankchefs Ben Bernanke war mit Spannung erwartet worden. (c) REUTERS (Jim Young)
  • Drucken

Die Senkung der US-Leitzinsen auf 2,25 Prozent soll den Zusammenbruch des Finanzsystems und ein Abgleiten der Wirtschaft in die Rezession verhindern. Hillary Clinton und Barack Obama kritisieren George W. Bush.

New York (ag/dom). Bereits seit Tagen stand fest, dass die US-Notenbank am Dienstag mit einer weiteren kräftigen Leitzinssenkung auf die verschärfte Finanzkrise reagieren wird. Die Senkung um 0,75 Prozentpunkte auf 2,25 Prozent fiel schlussendlich allerdings geringer aus, als vor der Sitzung der Fed erwartet wurde. Die Prognosen lauteten auf einen Prozentpunkt oder sogar noch mehr.
Fed-Chef Ben Bernanke tritt damit doch nicht in die Fußstapfen seines legendären Vorvorgängers Paul Volcker. Dieser hatte 1984 die US-Leitzinsen um einen ganzen Prozentpunkt gesenkt. Allerdings hat Bernanke in mehreren Schritten den Leitzins seit Mitte 2007 um insgesamt drei Prozentpunkte gesenkt. Und bereits am Sonntag hat die US-Notenbank in einer beispiellosen Notaktion den Diskontsatz um einen Viertelpunkt auf 3,25 Prozent gesenkt, nachdem die US-Investmentbank Bear Stearns knapp vor dem Kollaps stand.

Diese Maßnahmen sowie massive Geldspritzen für die angeschlagenen US-Banken sollen einen Kollaps des Finanzsystems und ein Abgleiten der US-Wirtschaft in die Rezession verhindern. Die Finanzkrise ist natürlich auch eines der zentralen Themen im US-Wahlkampf. Die Demokraten lassen auch bei diesem Thema kein gutes Haar am scheidenden Präsidenten George W. Bush. Hillary Clinton und Barack Obama sind sich freilich einig, dass die Regierung zu wenig für die Opfer der Finanzkrise tun, die Demokraten fordern Staatshilfe.

EZB unter Druck

In der Eurozone liegen die Leitzinsen seit Monaten bei vier Prozent. Die Europäische Zentralbank kommt durch die immer neuen Zinssenkungen der Amerikaner schwer unter Druck. Die brutale Talfahrt der US-Währung wird durch den immer größer werden Zinsabstand zwischen den USA und Europa beschleunigt. Noch vor der US-Zinsentscheidung kletterte der Eurokurs bis über die Marke von 1,58 Dollar _ ein Wert, der für Europas Exportwirtschaft und damit auch für die Konjunktur zu einer immer härteren Belastung wird.
Experten erwarten, dass die EZB bis Jahresmitte die Leitzinsen für den Euroraum in zwei Schritten auf 3,5 Prozent senken wird. Die nächste turnusmäßige Sitzung der Euro-Währungshüter findet Anfang April statt. Bisher hatte die EZB nur mit massiven Liquiditätsspritzen gegen die sich immer weiter ausbreitende Finanzkrise angekämpft.

Bear Stearns: Nachbeben

In den USA lag die Inflationsrate zuletzt bei vier Prozent, die Realverzinsung war daher schon vor der gestrigen Leitzinssenkung negativ. In Europa, wo die Teuerung in der Eurozone im Februar bei 3,3 Prozent lag, gibt es für die Investoren derzeit noch eine Realverzinsung, wenngleich eine sehr bescheidene.

Die schwer angeschlagene US-Investmentbank Bear Stearns war am Sonntag für 300 Mio. Dollar an den Konkurrenten JP Morgan verkauft worden. Viel zu billig, meinen verärgerte Bear-Stearns-Aktionäre _ darunter Milliardär Joseph Lewis, der knapp zehn Prozent an Bear Stearns hält _ und steigen gegen den Notverkauf auf die Barrikaden. Eine Liquidation der Bank wäre besser gewesen, argumentieren sie: Allein das New Yorker Hauptquartier von Bear Stearns dürfte mehr als eine Milliarde Dollar wert sein.


JP Morgan hat für die zu erwartende Klagswelle bereits kräftige Rückstellungen gebildet. Außerdem müssen sich die Mitarbeiter der übernommenen Bank auf eine kräftige Kündigungswelle einstellen. Dem Vernehmen nach will der neue Eigentümer bei Bear Stearns 7000 Stellen streichen, den Personalstand also in etwa halbieren.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.03.2008)


Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt
Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.