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Finanzkrise

Schrecken ohne Ende - was jetzt noch kommt

02.01.2017 um 20:21
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Düstere Aussichten: Während die Aktienkurse auf Talfahrt sind, taumeln Finanzgrößen wie Bear Stearns, Fannie Mae, Freddie Mac oder zuletzt Lehman Brothers am Abgrund.  Niemand will neue Milliardenabschreibungen ausschließen. Nachdem der Ölpreis monatelang fast täglich neue Rekorde erreicht hatte, fällt er wieder - entgegen allen Vorhersagen.  Ist ein Ende der Finanz-Turbulenzen in Sicht? Wohl kaum. Hier ein Überblick der fünf Bereiche, in denen mit den größten Risiken zu rechnen ist.  Zunächst aber ein "Glück im Unglück"...von Peter Martens
Düstere Aussichten: Während die Aktienkurse auf Talfahrt sind, taumeln Finanzgrößen wie Bear Stearns, Fannie Mae, Freddie Mac oder zuletzt Lehman Brothers am Abgrund. Niemand will neue Milliardenabschreibungen ausschließen. Nachdem der Ölpreis monatelang fast täglich neue Rekorde erreicht hatte, fällt er wieder - entgegen allen Vorhersagen. Ist ein Ende der Finanz-Turbulenzen in Sicht? Wohl kaum. Hier ein Überblick der fünf Bereiche, in denen mit den größten Risiken zu rechnen ist. Zunächst aber ein "Glück im Unglück"...von Peter Martens
(c) EPA/JUSTIN LANE
Unbewusst schwingt wohl bei jeder nervösen Reaktion die Erinnerung an ein Ereignis mit, das schon fast achtzig Jahre her ist: Der "Schwarze Donnerstag" im Oktober 1929.  Dieser Tag leitete einen umfassenden Börsencrash ein. Ein Zusammenbruch der Wirtschaft, weltweite Massenarbeitslosigkeit und Verelendung folgten.  Droht jetzt dasselbe im Jahr 2008?
Unbewusst schwingt wohl bei jeder nervösen Reaktion die Erinnerung an ein Ereignis mit, das schon fast achtzig Jahre her ist: Der "Schwarze Donnerstag" im Oktober 1929. Dieser Tag leitete einen umfassenden Börsencrash ein. Ein Zusammenbruch der Wirtschaft, weltweite Massenarbeitslosigkeit und Verelendung folgten. Droht jetzt dasselbe im Jahr 2008?
(c) AP Photo (Bernd Kammerer)
Zunächst scheint es so. Der ehemalige US-Notenbankchef Alan Greenspan spricht von der "schwersten Finanzkrise seit Ende des Zweiten Weltkriegs".  Nobelpreisträger Joseph Stiglitz geht noch weiter - er vergleicht die Gegenwart mit der "schlimmsten Krise" seit den 1930er Jahren.  Trotzdem sagt weltweit kein Experte einen Zusammenbruch wie anno 1929 voraus.
Zunächst scheint es so. Der ehemalige US-Notenbankchef Alan Greenspan spricht von der "schwersten Finanzkrise seit Ende des Zweiten Weltkriegs". Nobelpreisträger Joseph Stiglitz geht noch weiter - er vergleicht die Gegenwart mit der "schlimmsten Krise" seit den 1930er Jahren. Trotzdem sagt weltweit kein Experte einen Zusammenbruch wie anno 1929 voraus.
(c) AP Photo/Mark Lennihan
Nach einer Faustregel ist in einem Land eine Rezession da, wenn das Bruttoinlandsprodukt an zwei aufeinanderfolgenden Quartalen schrumpft.  Passiert ist das bisher weder in den USA noch in Europa.
Nach einer Faustregel ist in einem Land eine Rezession da, wenn das Bruttoinlandsprodukt an zwei aufeinanderfolgenden Quartalen schrumpft. Passiert ist das bisher weder in den USA noch in Europa.
(c) Die Presse (Clemens Fabry)
Die Strukturen der Weltwirtschaft haben sich weiterentwickelt. Auch die Auswirkungen der Krise auf den Euro-Raum werden oft überschätzt.  So rechnet Klaus Wellershoff, Chefvolkswirt der Schweizer Großbank UBS, mit eher geringen Folgen der Finanzkrise auf Europa.  Im Hinblick auf Deutschland sagte Wellershoff dem "Tagesspiegel": "Direkte Auswirkungen sind eher unwahrscheinlich."  Unterdessen ist Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann offenbar mit seinem Latein am Ende.
Die Strukturen der Weltwirtschaft haben sich weiterentwickelt. Auch die Auswirkungen der Krise auf den Euro-Raum werden oft überschätzt. So rechnet Klaus Wellershoff, Chefvolkswirt der Schweizer Großbank UBS, mit eher geringen Folgen der Finanzkrise auf Europa. Im Hinblick auf Deutschland sagte Wellershoff dem "Tagesspiegel": "Direkte Auswirkungen sind eher unwahrscheinlich." Unterdessen ist Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann offenbar mit seinem Latein am Ende.
(c) Die Presse (Clemens Fabry)
Dieses Frühjahr warnte Ackermann vor einem neuen "Tsunami" an den Finanzmärkten. Einige Wochen später bat er den Staat um Hilfe - der Markt allein könne sich nicht mehr heilen, so der Bankchef.  Wo ist in Zukunft mit den größten Risiken zu rechnen?  Im Wesentlichen sind das vier Bereiche: Verbraucher, Konjunktur, Börse und Unternehmenskredite.
Dieses Frühjahr warnte Ackermann vor einem neuen "Tsunami" an den Finanzmärkten. Einige Wochen später bat er den Staat um Hilfe - der Markt allein könne sich nicht mehr heilen, so der Bankchef. Wo ist in Zukunft mit den größten Risiken zu rechnen? Im Wesentlichen sind das vier Bereiche: Verbraucher, Konjunktur, Börse und Unternehmenskredite.
(c) AP Photo/EFE, Esteban Cobo
Vor allem die Verbraucher der USA spielen eine nicht unerhebliche Rolle im globalen Wirtschaftsgefüge. Die Vereinigten Staaten sind die größte Volkswirtschaft der Welt, und die Konsumausgaben machen rund zwei Drittel der Wirtschaftsleistung des Landes aus.  Ihr Vertrauen in die wirtschaftliche Entwicklung ist heuer wiederholt gesunken - auf den tiefsten Stand seit 1992.  Wie ein Kartenhaus...
Vor allem die Verbraucher der USA spielen eine nicht unerhebliche Rolle im globalen Wirtschaftsgefüge. Die Vereinigten Staaten sind die größte Volkswirtschaft der Welt, und die Konsumausgaben machen rund zwei Drittel der Wirtschaftsleistung des Landes aus. Ihr Vertrauen in die wirtschaftliche Entwicklung ist heuer wiederholt gesunken - auf den tiefsten Stand seit 1992. Wie ein Kartenhaus...
(c) Michaela Seidler
... scheint das Wachstum Amerikas zusammen- zustürzen, das in den letzten Jahren zunehmend auf Pump finanziert war. Der Handel mit Ramschhypotheken brachte die aktuelle Finanzkrise überhaupt ins Rollen.  Laut der Ratingagentur Fitch mehren sich nun die Ausfälle bei Autokrediten. Auch große Kreditkartenanbieter wie American Express bleiben immer häufiger auf ungedeckten Rechnungen sitzen.  An einer Ausnahme fehlt es auch hier nicht: Der Kreditkartenfirma Visa gelang im März 2008 der größte Börsengang der US-Geschichte.
... scheint das Wachstum Amerikas zusammen- zustürzen, das in den letzten Jahren zunehmend auf Pump finanziert war. Der Handel mit Ramschhypotheken brachte die aktuelle Finanzkrise überhaupt ins Rollen. Laut der Ratingagentur Fitch mehren sich nun die Ausfälle bei Autokrediten. Auch große Kreditkartenanbieter wie American Express bleiben immer häufiger auf ungedeckten Rechnungen sitzen. An einer Ausnahme fehlt es auch hier nicht: Der Kreditkartenfirma Visa gelang im März 2008 der größte Börsengang der US-Geschichte.
(c) AP Photo/Mark Avery
Bis heute herrscht keine Einigkeit darüber, ob sich die USA nun schon mitten in einer Rezession befinden oder noch kurz davor stehen.  So geht John Lipsky, Vizedirektor des Internationalen Währungsfonds, von einem schleppenden Wachstum, nicht aber von einer Rezession aus.  Die wiederholten aggressiven Zinssenkungen der Fed sprechen indes eine andere Sprache.
Bis heute herrscht keine Einigkeit darüber, ob sich die USA nun schon mitten in einer Rezession befinden oder noch kurz davor stehen. So geht John Lipsky, Vizedirektor des Internationalen Währungsfonds, von einem schleppenden Wachstum, nicht aber von einer Rezession aus. Die wiederholten aggressiven Zinssenkungen der Fed sprechen indes eine andere Sprache.
(c) AP (Mark Lennihan)
Früher oder später schlägt die schwache US-Konjunktur jedenfalls auch in Europa durch, glaubt Hans-Werner Sinn, Chef des Münchner Instituts für Wirtschaftsforschung (ifo).  "Es gilt noch immer der Satz: Wenn die Amerikaner husten, kriegt die Welt einen Schnupfen."
Früher oder später schlägt die schwache US-Konjunktur jedenfalls auch in Europa durch, glaubt Hans-Werner Sinn, Chef des Münchner Instituts für Wirtschaftsforschung (ifo). "Es gilt noch immer der Satz: Wenn die Amerikaner husten, kriegt die Welt einen Schnupfen."
(c) Die Presse (Clemens Fabry)
Es sei naiv zu glauben, die neue Stärke Asiens könne die Auswirkungen der US-Krise ausgleichen.  Chinas Anteil am weltweiten Sozialprodukt mache fünf Prozent aus, und Asien insgesamt trägt 24 dazu Prozent bei.  Dagegen werden allein in den USA 28 Prozent erwirtschaftet, mehr als in allen Staaten Asiens zusammen.
Es sei naiv zu glauben, die neue Stärke Asiens könne die Auswirkungen der US-Krise ausgleichen. Chinas Anteil am weltweiten Sozialprodukt mache fünf Prozent aus, und Asien insgesamt trägt 24 dazu Prozent bei. Dagegen werden allein in den USA 28 Prozent erwirtschaftet, mehr als in allen Staaten Asiens zusammen.
(c) EPA/ROLEX DELA PENA
Mittlerweile sei eine Rezession in den USA wahrscheinlich, und ein Ende der Immobilienkrise noch nicht in Sicht, glaubt ifo-Chef Sinn.  Die EU-Kommission lässt sich von den negativen Meldungen vorerst nicht beirren.
Mittlerweile sei eine Rezession in den USA wahrscheinlich, und ein Ende der Immobilienkrise noch nicht in Sicht, glaubt ifo-Chef Sinn. Die EU-Kommission lässt sich von den negativen Meldungen vorerst nicht beirren.
(c) AP Photo/Bernd Kammerer
Zwar sei man "beunruhigt" über die Informationen aus den USA. Trotzdem betont die Sprecherin von Währungskommissar Joaquin Almunia: "Wir sind nicht in einer Rezession."  Nach aktuellen Zahlen werde die Wirtschaft in der Euro-Zone um 1,8 Prozent wachsen, so die jüngste EU-Prognose.
Zwar sei man "beunruhigt" über die Informationen aus den USA. Trotzdem betont die Sprecherin von Währungskommissar Joaquin Almunia: "Wir sind nicht in einer Rezession." Nach aktuellen Zahlen werde die Wirtschaft in der Euro-Zone um 1,8 Prozent wachsen, so die jüngste EU-Prognose.
(c) EPA/OLIVIER HOSLET
Das optimistische Bild, das die Börsen noch gegen Ende des vergangenen Jahres vermittelt haben, brach zuletzt ein. Vor allem Finanzwerte purzeln seitdem in den Keller.  Zahlreiche Marktbeobachter rechnen fest damit, dass auf jüngsten Milliardenabschreibungen weitere folgen werden.
Das optimistische Bild, das die Börsen noch gegen Ende des vergangenen Jahres vermittelt haben, brach zuletzt ein. Vor allem Finanzwerte purzeln seitdem in den Keller. Zahlreiche Marktbeobachter rechnen fest damit, dass auf jüngsten Milliardenabschreibungen weitere folgen werden.
(c) REUTERS/Dylan Martinez
Eine Beinahe-Pleite von Bear Stearns, die staatlich abgewendete Pleite von Fannie Mae und Freddie Mac, der Insolvenzantrag von Lehman, die Turbulenzen bei AIG - Die Sorge vor weiteren Zusammenbrüchen wächst. Die Spannungen an der Börse und die Knappheit am Kreditmarkt verschärfen sich gegenseitig.  Trotzdem gibt es wieder positive Stimmen. Zum Beispiel von der Dresdner Bank.
Eine Beinahe-Pleite von Bear Stearns, die staatlich abgewendete Pleite von Fannie Mae und Freddie Mac, der Insolvenzantrag von Lehman, die Turbulenzen bei AIG - Die Sorge vor weiteren Zusammenbrüchen wächst. Die Spannungen an der Börse und die Knappheit am Kreditmarkt verschärfen sich gegenseitig. Trotzdem gibt es wieder positive Stimmen. Zum Beispiel von der Dresdner Bank.
(c) REUTERS/Kristina Cooke
Weitere Bankenprobleme und hohe Kursschwankungen seien absehbar, sagt der Chefanlagestratege der Dresdner Bank, Holger Boschke. Das Finanzinstitut rechnet trotzdem noch in diesem Jahr mit einer deutlichen Erholung an den Aktienmärkten. Die kräftigen Zinssenkungen der Fed und das milliardenschwere Konjunkturprogramm in den USA sollten noch heuer einen Aufschwung auf breiter Front auslösen.  Boschke übt sich in Optimismus: "Trotz der konjunkturellen Abschwächung sind Aktien attraktiv bewertet und bieten daher zunehmend auch wieder Chancen für die Anleger."
Weitere Bankenprobleme und hohe Kursschwankungen seien absehbar, sagt der Chefanlagestratege der Dresdner Bank, Holger Boschke. Das Finanzinstitut rechnet trotzdem noch in diesem Jahr mit einer deutlichen Erholung an den Aktienmärkten. Die kräftigen Zinssenkungen der Fed und das milliardenschwere Konjunkturprogramm in den USA sollten noch heuer einen Aufschwung auf breiter Front auslösen. Boschke übt sich in Optimismus: "Trotz der konjunkturellen Abschwächung sind Aktien attraktiv bewertet und bieten daher zunehmend auch wieder Chancen für die Anleger."
(c) EPA/JEREMY PIPER
Bis zum vergangenen Sommer waren Firmenkäufe auf Pump ein boomendes Geschäft, ebenso wie der Handel mit US-Ramschhypotheken.  Die Risiken dieses Geschäfts packten Banken in komplexe Finanzinstrumente und führten sie als gesonderte Posten in ihren Bilanzen.  Das ist nun zu einem fatalen Bumerang geworden.
Bis zum vergangenen Sommer waren Firmenkäufe auf Pump ein boomendes Geschäft, ebenso wie der Handel mit US-Ramschhypotheken. Die Risiken dieses Geschäfts packten Banken in komplexe Finanzinstrumente und führten sie als gesonderte Posten in ihren Bilanzen. Das ist nun zu einem fatalen Bumerang geworden.
(c) REUTERS/Brendan McDermid
Diese Papiere haben in der Zwischenzeit massiv an Wert verloren. Sie stehen aber nach wie vor mit zweistelligen Milliardensummen in den Büchern so mancher Großbank.  Für die Wall Street rechnen Analysten von Goldman Sachs und anderen Häusern mit Wertverlusten von 15 bis 20 Milliarden Dollar allein im laufenden ersten Quartal 2008.
Diese Papiere haben in der Zwischenzeit massiv an Wert verloren. Sie stehen aber nach wie vor mit zweistelligen Milliardensummen in den Büchern so mancher Großbank. Für die Wall Street rechnen Analysten von Goldman Sachs und anderen Häusern mit Wertverlusten von 15 bis 20 Milliarden Dollar allein im laufenden ersten Quartal 2008.
(c) REUTERS/Lucas Jackson
ifo-Chef Hans-Werner Sinn ist sich sicher: "Die ganze Wahrheit wird sich jedoch erst im Frühjahr 2009 zeigen, wenn die Jahresabschlüsse für das Jahr 2008 veröffentlicht werden."  Der legendäre US-Investor Warren Buffett hält die bisherigen Abschreibungen der Banken jedenfalls für gerecht: "Die Leute, die diese giftige Limonade brauten, haben am Ende ziemlich viel davon selbst getrunken."
ifo-Chef Hans-Werner Sinn ist sich sicher: "Die ganze Wahrheit wird sich jedoch erst im Frühjahr 2009 zeigen, wenn die Jahresabschlüsse für das Jahr 2008 veröffentlicht werden." Der legendäre US-Investor Warren Buffett hält die bisherigen Abschreibungen der Banken jedenfalls für gerecht: "Die Leute, die diese giftige Limonade brauten, haben am Ende ziemlich viel davon selbst getrunken."
(c) AP (Frank Augstein)

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