Fünf Jahre nach dem Einmarsch der US-Truppen ist der Irak-Krieg aus dem Bewusstsein der Öffentlichkeit verschwunden. Selbst im aktuellen Präsidentschaftswahlkampf spielt der Militäreinsatz nur eine Nebenrolle.
Langsam wird es wieder wärmer in Washington. Die Griller werden abgestaubt und Amerikas Männer versuchen sich wieder darin zu überbieten, wer die Steaks noch blutiger zubereiten kann. Die Barbecues sind bester Indikator dafür, was die USA beschäftigt. Dieser Tage spricht man über die steigenden Benzinpreise; über die Achterbahn-Fahrt der Aktien; über den schwachen Dollar und die Qualität der Steaks. Nur über eines spricht man nicht: über den Irak-Krieg.
„Fünf Jahre ist das schon wieder her“, fragt Nachbar Dave ehrlich überrascht. Dabei ist er einer der politisch Interessierteren. Doch Irak ist kein Thema mehr. Nicht bei den Grillereien, nicht in den Medien und nicht im aktuellen Präsidentschaftswahlkampf.
Als die demokratische Bewerberin Hillary Clinton zu Beginn der Woche eine Rede zum fünften Jahrestag hielt, waren etliche Plätze in dem Saal an der George Washington Universität leer. Niederschlag fand der Auftritt weder in den Abendnachrichten, noch in den meisten Zeitungen. Über John McCains Reise in den Nahen Osten wird als solche zwar berichtet, aber nicht über die Inhalte. Schlagzeilen machte nur seine falsche Einschätzung, dass die sunnitische Terrorgruppe al-Qaida im schiitischen Iran ausgebildet wird.
„Der Krieg ist in Vergessenheit geraten, weil es keine schlechten Nachrichten mehr gibt“, glaubt die republikanische Politologin Sarah Sanders, die damit in die Klage des Weißen Hauses einstimmt: „Als es der Wirtschaft gut ging, redeten alle vom Irak-Krieg. Jetzt, wo es im Irak funktioniert, reden alle nur von der Wirtschaft“, meinte ein frustrierter Bush-Mitarbeiter vor wenigen Wochen.
Sanders weist auf eine Untersuchung des „Project for Excellence in Journalism“ hin, wonach sich im Februar dieses Jahres lediglich drei Prozent der Nachrichten mit dem Irak beschäftigten. Im Juli 2007 waren es noch 15 Prozent. „Würden täglich Dutzende Amerikaner sterben, wäre es auf allen Titelseiten.“ Die Truppenaufstockung, die US-Präsident George Bush Anfang 2007 angeordnet hatte, habe ihre gewünschte Wirkung. Die Gewalt in dem Land sei deutlich zurückgegangen.
Kriegsmüde Amerikaner
Die Amerikaner seien „kriegsmüde“, urteilt Michael O'Hanlon vom Brookings-Institut in Washington. So schnell werden sie das Thema seiner Meinung nach aber nicht los: „Es wird die ganze Amtszeit des nächsten Präsidenten in Anspruch nehmen, das in Ordnung zu bringen.“
Das scheint auch George Bush zu glauben, der am Mittwoch im Pentagon zum Jahrestag sprach. Würde man die US-Truppen zu früh abziehen, nähme die Gewalt wieder zu und Irak würde ins Chaos verfallen. „Die Terroristen würden gestärkt sein und mit noch größerer Entschlossenheit versuchen, die Region zu kontrollieren und die USA anzugreifen.“
Die Botschaft hören die demokratischen Präsidentschaftskandidaten wohl, allein es fehlt ihnen der Glaube. Sowohl Barack Obama als auch Clinton sprachen sich wiederholt für den Abzug der amerikanischen Truppen aus.
Für manche sind diese Forderungen freilich nur politisches Kalkül. Realistischerweise können sich die USA nicht so schnell aus dem Land stehlen. Selbst in der US-Bevölkerung ist die Zustimmung für einen sofortigen Rückzug gesunken: Nur noch 20 Prozent fordern einen „unverzüglichen Abzug“. Zuerst müsse es Stabilität und Sicherheit geben.
Zu tun hat das möglicherweise mit dem Vietnam-Trauma. Zwar hört niemand gerne Nachrichten über getötete US-Soldaten – bisher insgesamt knapp 4000 –, noch weniger aber will Amerika wieder einen Krieg verlieren. Militärisch haben die USA ihre Lehren aus dem Krieg jedenfalls gezogen, und auch politisch haben die einst so stürmischen neokonservativen Falken in Bushs Administration zurückgesteckt.
Die Kosten für den Militäreinsatz haben Rekordausmaße angenommen. Bisher wandten die USA offiziell mehr als 500 Milliarden Dollar für den Krieg auf (inklusive des Einsatzes in Afghanistan). Laut Kongressschätzungen sind es in Wirklichkeit zwischen ein und zwei Billionen Dollar, der Wirtschaftsnobelpreisträger Joseph Stiglitz beziffert den Gesamtaufwand für die Wirtschaft gar mit vier Billionen Dollar. Er verweist allein auf die Vervierfachung des Ölpreises seit 2003.
Wenn politisch wenig bleibt von acht Jahren George Bush im Weißen Haus, seine Entscheidung, im Irak einzumarschieren, wird die USA noch auf Jahre beschäftigen.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.03.2008)