Der demokratische Präsidentschafts-Kandidat Barack Obama beschäftigte sich erstmals öffentlich mit einer Hautfarbe.
Es war, glauben viele, die wichtigste Rede seiner Präsidentschaftskandidatur. Und sie war einem Thema gewidmet, mit dem sich die Vereinigten Staaten nur ungern beschäftigen: Der Trennung in ein Amerika der Weißen und eines der Schwarzen.
Erstmals sprach der afro-amerikanische Präsidentschaftskandidat Barack Obama in der Nacht auf Mittwoch ausführlich über seine Hautfarbe, seine Herkunft und die Spaltung der Gesellschaft nach der Rasse. Der Senator aus Illinois rief die USA dabei auf, die Rassenfrage zu überwinden. Die Hautfarbe dürfe nicht zum Hauptthema des Wahlkampfs werden, es müsse um Themen gehen.
Anlass für den Auftritt waren die Diskussionen über den "geistlichen Berater" des Obama-Teams, Jeremiah Wright. Der Priester, der Obama traute und seine zwei Töchter taufte, ist ein enger Freund des demokratischen Präsidentschaftskandidaten. In seinen Predigten hatte er in der Vergangenheit wiederholt die USA attackiert; sprach in Anspielung auf den Ku-Klux-Klan von den "US of KKKA"; warf Washington vor, die Anschläge vom 11. September provoziert zu haben; und meinte, dass Hillary Clinton Vorteile gegenüber Obama habe, weil sie weiß sei.
Wright gab mittlerweile seinen Job in Obamas Wahlteam auf und predigt auch nicht mehr in der Trinity-Church in Chicago. Obama distanzierte sich von manchen Bemerkungen, die er "rundum ablehnt", stand aber zu dem Priester, der für ihn "wie ein Familienmitglied" sei. "Ich kann meinen Pastor nicht verleugnen. Ihn zu verleugnen hieße, meine schwarze Gemeinde zu verleugnen."
Zudem müsse man den Ärger verstehen, der sich in vielen Schwarzen aufgestaut habe: "Diesen Ärger einfach zu ignorieren, ihn zu verurteilen, ohne die Gründe dafür zu verstehen, vergrößert nur die Kluft zwischen den Rassen."
Die Frage der Hautfarbe sei eine, die man nicht ignorieren dürfe. Noch immer würden schwarze Mitbürger in vielen Bereichen benachteiligt werden. "Wut und Bitterkeit der Rassentrennung bestehen noch." Es bedürfe viel Verständnisses auf beiden Seiten, um mit der Frage umzugehen. Man könne etwa nicht einfach Ressentiments von weißen US-Bürgern als rassistisch abtun ohne anzuerkennen, dass begründete Ängste Anlass dafür seien.
Die Rede war auch Antwort auf jene Vorurteile, die etwa Clinton-Beraterin Geraldine Ferraro geäußert hatte: Dass Obama nur dank seiner Hautfarbe so weit gekommen sei. Das "Wall Street Journal" analysierte gar, dass der Wahlkampf des Senators "mehr auf der Manipulation weißer Schuldgefühle als auf Substanz" basiere.
Obama erklärte, sein Erfolg sei Beweis dafür, dass die USA "nach Einheit dürsten". Das hätten seine überzeugenden Siege in manchen der "weißesten Gegenden des Landes" gezeigt, etwa in South Carolina, "wo noch immer die Konföderierten-Fahne weht, wir aber eine starke Koalition von Afro-Amerikanern und weißen Amerikanern bilden konnten". Er sei freilich "nicht so naiv zu glauben, dass wir die Rassentrennung mit einer einzigen Kandidatur oder einer Wahl überwinden können".
Dennoch sei ein Aufstieg wie seiner, als ein "Kind von einem Kenianer und einer weißen Mutter aus Kansas", nur in den USA und in keinem anderen Land der Welt möglich. Er habe jedoch die Zwiespältigkeit früh beispielsweise bei seiner Großmutter erfahren, die ihn liebevoll aufgezogen habe, aber die Straßenseite wechselte, wenn ihr ein Afro-Amerikaner entgegenkam.
sDer 45-minütige Auftritt im Verfassungsinstitut in Philadelphia (Pennsylvania) war für Barack Obama ein Balanceakt zwischen seinen Unterstützern und der weißen Arbeiterklasse in den USA, die er bisher nicht für sich gewinnen konnte. Diese Wählergruppe ist vor allem bei den kommenden Vorwahlen in Pennsylvania am 22.April entscheidend.
Einbruch bei Umfragen
Kommentatoren bezeichneten die Rede in Philadelphia als "historisch" ("Time"), die "New York Times" verglich sie mit Reden von Abraham Lincoln und John F. Kennedy, die "Washington Post" schrieb von einem "außergewöhnlichen Moment der Wahrheit".
Wie sich die Rede in Umfragen auswirkt, werden die kommenden Tage zeigen. Laut einer aktuellen Befragung von Zogby/Reuters hat Obama seinen 14-Prozent-Vorsprung auf Hillary Clinton völlig eingebüßt. Im direkten Vergleich mit John McCain unterliegt Obama laut Zogby mit 46:40 Prozent (Clinton mit 48:40).
In Umfragen von CNN, USA Today und des TV-Sender NBC liegen Obama und Clinton dagegen weiterhin vor McCain.
BIOGRAFIE
Barack Obama wurde 1961 als Sohn eines Kenianers und einer weißen Mutter aus Kansas auf Hawaii geboren. 2004 wurde er in den US-Senat gewählt und ist derzeit dessen einziges afroamerikanisches Mitglied.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.03.2008)